Der Ghostwriter
Handlung
„Ich verstehe nichts von Politik.“, sagt der junge Autor über sich selbst. Was für jeden anderen Biografen eines Politikers ein Nachteil wäre, macht ihn zum idealen Ghostwriter des britischen Premiers Adam Lang. Nachdem dessen langjähriger Berater und erster Ghostwriter eines unvorhergesehenen Todes starb, soll der neue „Ghost“ Langs Memoiren vollenden. Unter ständiger Überwachung von Langs Ehefrau Ruth, dessen Sekretärin Amelia Bly und Langs Sicherheitsleuten soll der Ghostwriter als Gast auf dem Anwesen des Premiers Langs Autobiografie verfassen.
Bei seiner Recherche stößt dieser jedoch auf Informationen seines verstorbenen Vorgängers, die auf eine geheime Kooperation Langs mit dem CIA hinweisen. Das Privatleben des scheinbar unantastbaren Politikers erweist sich als weit weniger makellos, als der Ghostwriter es in seinem Buch darstellen soll.
Die Anschuldigungen eines hochrangigen politischen Kollegen, Lang habe illegal mutmaßliche Terroristen ausliefern lassen, veranlassen den Ghostwriter zu Nachforschungen hinter Langs Rücken. Was er dabei entdeckt, missfällt nicht nur ihm, sondern auch Adam Lang.
Meinung
Bis zuletzt schien es, als hätten alle heimlich gehofft, er würde doch dort sein. Er war es nicht. Natürlich nicht. Wie ungerecht Polanskis erzwungene Abwesenheit empfunden wird, sprach nicht nur aus den anerkennenden Worten der Hauptdarsteller Ewan McGregor und Pierce Brosnan. Auch unter den Journalisten wurde betont, wie traurig die Anklage gegen den herausragenden Regisseur sei. Auf der 60. Berlinale ist Roman Polanski nur durch seinen Film „The Ghostwriter“ vertreten. Hintergründig und kritisch setzt er einen frühen Glanzpunkt im Wettbewerb, dessen Raffinesse sich nur langsam enthüllt. Die Wahrheit verbirgt sich im Offensichtlichen. Bereits in den ersten Szenen seines scharfsinnigen Thrillers, welcher ebenso Politkrimi wie psychologisches Drama ist, deutet Roman Polanski die Doppelbödigkeit seiner Handlung an. Der prestigeträchtige Auftrag, die Memoiren des britischen Premiers zu schreiben, schmeichelt dem ehrgeizigen, jungen Hauptcharakter. Seine von seinem aalglatten Manager geförderte Selbstverliebtheit lässt ihn nicht erkennen, dass er nicht auf Grund seiner Intelligenz sondern seiner Unbedarftheit als Ghostwriter ausgewählt wurde.
„Ich lese keine politischen Memoiren.“, bekennt der Hauptcharakter. Wer tue das schon? Ganz Großbritannien, wie Polanskis zynisches Ende erahnen lässt. Fast triumphierend scheint der Blick Adam Langs, dessen Konterfei auf den Hochglanzeinbänden der fertigen Memoiren dutzendweise geliefert wird. Autobiografie und Politik werden am Fließband produziert, keines von beiden ist, was es scheint. Ob der finale Triumph ein Pyrrhus-Sieg war, lässt Polanski offen. Wie in seinem Meisterwerk „Chinatown“ blickt er über eine leere nächtliche Straße in einen Abgrund aus Korruption und Verderbtheit, nur ist dieser Abgrund in „The Ghostwriter“ politischer statt psychologischer Natur.
Dass die Figur des britischen Premiers an Robert Harris einstigen Freund Tony Blair erinnert, gab Polanskis Verfilmung zusätzliche Brisanz. Doch der Regisseur interessiert sich für die Mechanismen des Verbrechens, nicht dessen Auflösung. „It's like Chandler.“, zitierte Harris auf der Pressekonferenz Roman Polanskis Äußerung über die Romanvorlage. Wie Raymond Chandler fasziniert Polanski die moralische Korrumpierung seiner Charaktere mehr als deren Korruption. Die komplexe Psychologie seiner Figuren verankert Polanski in dem unterschwelligen Duell zwischen dem Ghostwriter und Lang. Die auf den ersten Blick grundverschiedenen Männer spiegeln einander. Beide verbergen ihr tatsächliches Wesen hinter einem sorgfältig konstruierten Image. Bei Lang ist es das des sportlichen und engagierten Politikers, einer Person des öffentlichen Lebens, glücklich verheiratet, von seinen Freunden geschätzt, von seinen Gegnern respektiert. Für den Ghostwriter ist es die völlige Anonymität. „I'm your Ghost.“, stellt sich der junge Autor Lang vor. Er definiert sich über seine Arbeit und die Person, über die er schreibt. Seiner Assimilation an den Protagonisten, dessen Autobiografien er verfasst, verdankt er seinen schriftstellerischen Erfolg. Die Kehrseite dieses Erfolges ist das Verschwinden seiner eigenen Persönlichkeit. Er wird selbst unsichtbar, zum „Ghost“, so der Originaltitel der Romanvorlage von Harris. Im Englischen bezeichnet „ghost“ sowohl den anonymen Autor, dessen Arbeit als auch den „Geist“ im figurativen Sinne. Nur als solcher ist der Ghostwriter noch in seiner Arbeit präsent. Er profitiert nur finanziell, den literarischen Ruhm erntet ein Anderer, während dem Ghostwriter die Anerkennung als „richtiger“ Schriftsteller verwehrt bleibt. Diesen sinnbildlichen Gesichtsverlust verwendet „The Ghostwriter“ als Metapher für den moralischen Werteverlust Adam Langs. Polanski bricht mit den Genre-Konventionen des Thrillers, indem er Korruption und Verbrechen nur dunkel andeutet. Der Vorgänger des Ghostwriters ist ertrunken, als er Langs Vergangenheit zu genau erforschte. Der hartnäckige Demonstrant vor dem Anwesen des Politikers ist plötzlich verschwunden. Die Maschinerie der Macht läuft leise und effektiv.
Geister der politischen Vergangenheit.
Ghostwriter: Ewan McGregor
Adam Lang: Pierce Brosnan
Ruth Lang: Olivia Williams
Amelia Bly: Kim Catrell
John Maddox: James Belushi
alter Mann: Eli Wallach
Regie: Roman Polanski | Großbritannien, Frankreich, 2009
Länge: 128 min | FSK: ab 12 | Buch: Robert Harris, Roman Polanski | Kamera: Pawel Edelaman | Szenenbild: Albrecht Konrad | Musik: Alexandre Desplat | Schnitt: Jean-Marie Bondel, Herve de Luze | Produktion: Robert Benmussa, Alain Sarde

