Der fantastische Mr. Fox


Handlung

„Boggis, Bounce and Bean, one short, one tall one lean,
These horrible crooks, So different in looks
Were none the less equally mean.“
Wie wahr das Kinderlied über die drei Farmer ist, erfährt Mr. Fox am eigenen Leib, als die Menschen ihm, Mrs. Fox, seinem Sohn Ash und den anderen Waldtieren auf den Pelz rücken. Alles nur wegen ein paar Hühner und Apfelwein, die Mr. Fox den Bauern geklaut hat. Fuchsteufelswild graben die Bauern den Bau der Fuchsfamilie aus. Nur ein tollkühner Plan kann „The Fantastic Mr. Fox“ und die anderen Waldtiere noch retten – und Mr. Fox wäre nicht der gerissene Gauner, der er ist, ohne eine wagemutige Aktion gegen die Farmer zu starten.

Meinung

„The Ballade of Davy Crockett“ begleitet die ersten Streiche des Titelcharakters. Wes Anderson und Noah Baumbach feiern ihre detailliert gestalteten Puppenfiguren als tierische Variante des zum Volkshelden stilisierten Politikers, der auf Seiten der um ihr Land betrogenen Siedler und amerikanischen Ureinwohner gegen die reichen Gutsbesitzer stand: „Born in the woods so he knew every tree ...“ Ein Gesetzloser, der in dem Land aufgewachsen ist, um welches er kämpft, der Fabel-hafte Reineke Fuchs, selbstverliebt schlau, charmant. Auch „Robin Hood“ war im drei Jahre nach Roald Dahls Kinderbuchvorlage zu „Der fantastische Mr. Fox“ entstandenen Disney Trickfilm ein Fuchs. Doch mit dem hinter seinen Gaunereien obrigkeitstreuen Robin Hood hat Mr. Fox wenig gemein. Die potentielle Witwe und die Waisen, für die er auf Beutezug geht, sind seine eigene Familie. In ungewohnter Deutlichkeit enthüllt der hintersinnige Animationsfilm das in Kinderfilmen proklamierte Ideal der friedlichen Co-Existenz von Mensch und Tier als realitätsfremd. Mr. Fox Hühnerdiebstahl ist nur ein zufälliger Vorwand für den Angriff der Menschen. Früher oder später wären sie mit Baggern und Gewehren gekommen. Die Kaninchen aus „Watership Down“ erfuhren dies so schmerzlich wie die Tiere, als sie den Wald verließen. Dann endet man als eines der unzähligen gefrorenen Hühnchen im Tiefkühlschrank eines Jägers oder als Pelzkrawatte um dessen Hals. Letztes geschieht mit Mr. Fox Fuchsschwanz. Der Verlust versinnbildlicht die psychische Kastration der animalischen Instinkte, welche Mr. Fox droht. „Wir sind wilde Tiere!“, lautet der Schlachtruf der Waldbewohner. Die intelligente Amoralität verkehrt die idealisierende Anthropomorphisierung tierischer Kinderfilmcharaktere in ihr Gegenteil.

Vermenschlichung ist gleichbedeutend mit Selbstverleugnung. „Wir werden alle sterben, wenn du dich nicht änderst.“, warnt Mrs. Fox ihren aus Verantwortungsgefühl zum Waldzeitungs-Kolumnisten domestizierten Mann. Dann schluchzen keine Geigen, weil man nicht Bambis Mutter, sondern „nur eine weitere tote Ratte in einer Mülltonne hinter einem China-Restaurant“ ist. „Der fantastische Mr. Fox“ ist ein zutiefst zynischer Film, im besten Sinne. Das seltene Beispiel einer gelungenen Roald-Dahl-Verfilmung sieht die Dinge, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Nicht trotz, sondern dank dieses schwarzen Humors bleibt das auch an Erwachsene gerichteten Puppentrick-Kunstwerk ein Kinderfilm; für alle Kinder, die das verlogene Heile-Welt-Bild aus „Cap und Capper“ immer gehasst haben. Blickt Mr. Fox seiner wilden Seele in Gestalt eines gespenstischen Wolfs ins Gesicht, bezeichnet dies einen letzten Triumph der Natur im Angesicht ihrer unvermeidlichen Niederlage. Hinter der Wolfssilhouette rast ein Schnellzug durch die Landschaft.


Den Kampf ums Überleben mögen die Tiere gewonnen haben, der Krieg geht weiter. Mit einem Tanz auf dem Vulkan unter der Nase der Menschen feiern sie schließlich ihre Wildheit. Wenn der letzte Baum ausgegraben ist, das letzte Hühnchen eingefroren, werden die Menschen merken, dass Füchse die besseren Mülltonnenplünderer sind.


„Wir haben die Erdoberfläche an Hunde und Katzen verloren.“, jammerte Bruce Willis in „Twelve Monkeys“. Nach dem fantastischen Animationsfilm sehnt man das fast herbei. Endlich ein guter Twentieth Century Fox.

Ausgefuchster Animationsfilm.

von Lida Bach



Mr.Fox: George Clooney
Mrs. Fox: Meryl Streep
Wiesel: Bill Murray

Ash: Jason Schwartzman
Ratte: Willem Dafoe

Regie: Wes Anderson | USA, 2010

Länge: 88 min | FSK: ab 6 | Buch: Wes Anderson, Noah Baumbach | Kamera: Tristan Oliver | Szenenbild: Nelson Lowry | Musik: Alexandre Desplat | Schnitt: Andrew Weisblum | Produktion: Allison Abate, Scott Rudin, Wes Anderson, Jeremy Dawson