Der diskrete Charme der Bourgeoisie


Handlung

Eine Gruppe von sechs Figuren um einen lateinamerikanischen Botschafter versucht immer wieder vergeblich, sich zum gemeinsamen Abendessen zu verabreden. Dass sie nie über den Aperitif hinauskommen, liegt zunächst nur an einem verwechselten Termin, doch dann werden die Gründe für das Scheitern der folgenden Verabredungen immer absurder – ein Armeekorps kommt zum Manöver vorbei und überflutet die Wohnung, im Restaurant wird im Nebenraum die Leiche des Besitzers aufgebahrt, oder es geht hinter dem Tisch auf einmal ein Vorhang auf und die Gruppe findet sich nicht im Wohnzimmer sondern auf einer Theaterbühne wieder. Immer wieder werden einzelne Ereignisse als Flashbacks erzählt, teilweise erweisen sich einzelne Episoden im Nachhinein auch als mitunter ineinander verschachtelte Träume, die die versteckten Ängste und – vor allem sexuellen – Gelüste der Figuren ans Licht bringen.


Die Sechs haben kein Glück: Ihr Abendessen werden sie niemals zu Ende bringen ...

Meinung

Mit dieser bissigen Satire gewann Buñuel 1972 den einzigen Oscar seiner langen Karriere. In der ihm eigenen surrealistischen Manier strickt Buñuel die Geschichte um ein niemals zu Ende gebrachtes Dinner und bricht so mit gängigen klassischen Drehbuchstrukturen. Immer wieder wird das Fortschreiten der Handlung unterbrochen. Auf unnachahmliche Art und Weise entwickelt Buñuel aus einer simplen Verwechslung eines Termins nach und nach ein Motiv, das den ganzen Film trägt und immer stärker mit Assoziationen aufgeladen wird.

Der "diskrete Charme" der einzelnen Figuren erweist sich dabei immer wieder als außerordentlich verführerisch und wirkt scheinbar genau dann am besten, wenn er unmoralisch ist: Etwa wenn der Botschafter auf eine Beleidigung seines Landes beim Aperitif zur Waffe greift und kurzerhand einen Menschen erschießt und trotzdem seine Haltung beibehält; oder wenn er durch einen Anruf beim befreundeten Minister aus dem Gefängnis entlassen wird, wo er für seinen Kokainschmuggel gelandet ist. Konsequent kombiniert und kontrastiert Buñuel dabei die elaborierten Umgangsformen einer bestimmten Gesellschaftsschicht mit versteckten unterschwelligen Ängsten und Sehnsüchten. Das nimmt dann durchaus auch recht derbe Züge an. Nicht nur ein Mensch wird aus einer kurzfristigen Laune heraus erschossen; die blutüberströmten Köpfe und Leiber fährt die Kamera genüsslich ab. Diese Verschränkung von äußeren Formen und inneren Gelüsten macht den spezifisch Buñuel'schen Humor aus, von dem der "diskrete Charme" noch mehr durchsetzt ist als seine meisten anderen Filme. Dabei agieren die Schauspieler mit einer absolut überzeugenden bourgeoisen Anmut oder auch fleischlichen Wolllust. Eine Figurenentwicklung im klassischen Sinn gibt es hier nicht. Alle sind sich treu und gehen dabei auch ohne Bedenken über Leichen. Perfiderweise wirkt ihr Charme dabei auch auf den Zuschauer, für den es ein großer Spaß ist, ihrem Treiben zuzusehen.

Doch ähnlich wie das Fortschreiten der Handlung immer wieder durch unversehens hereinbrechende Ereignisse gestört wird, so bricht Buñuel auch gerne mit der Illusion der filmischen Realität. An mehreren Stellen ertönt plötzlich inmitten eines entscheidenden Gesprächs wie aus dem Nichts ohrenbetäubender Lärm von einer Sirene oder einem vorbeifliegenden Flugzeug – und niemand bekommt das Gesprochene mit. Weder der Gefängnisbeamte noch der Zuschauer werden jemals erfahren, mit welchen wenigen magischen Worten der Innenminister anordnet, den Botschafter aus dem Kittchen freizulassen, oder wie eine Terroristin dem Botschafter ein komplettes politisches Programm entgegenschleudert. Mit einem wunderbaren filmischen Kunstgriff wird auf diese Art eine ganz bestimmte Sprechweise charakterisiert und enttarnt. Doch das findet nicht nur auf der Toneben statt: Mit einem anderen Kunstgriff schafft Buñuel einen einzigartigen und ganz wunderbaren Kinomoment, wenn hinter dem reich gedeckten Tisch auf einmal die vierte Wand verschwindet, indem ein Theatervorhang aufgeht und ein gespanntes Publikum in Erwartung eines stringenten Stücks gespannt da sitzt. Egal wie authentisch die Spielweise der Schauspieler auch ist – es ist immer klar, dass hier etwas inszeniert wird, das sich mitunter auch selbst aufs Korn nimmt. Insgesamt ist "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" sicherlich einer der leichteren und zugänglichsten Filme Buñuels, der auch heute wenig von seiner Schärfe und seinem Witz verlorenen hat.

Charmant bissig.

von Logolt



Botschafter Raphael Acosta: Fernando Rey
Innenminister: Michael Piccoli
Simone: Delphine Seyrig
Senechal: Jean-Pierre Cassel

Alice Senechal: Stéphane Audran
Thevenot: Paul Frankeur
Florence: Bulle Ogier
Bishop Dufour: Julien Bertheau

Regie: Luis Buñuel | Frankreich, Italien, Spanien, 1972

Länge: 97 min | FSK: ab 12 | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmond Richard | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Hélène Plemiannikov | Produktion: Serge Silberman