Der Dieb
Handlung
Der kleine Sanya kommt in Russland zum Ende des Krieges auf einem Feldweg zur Welt. 1952 ist er sechs Jahre alt, als er mit seiner mittellosen Mutter Katya im Zug den Hauptmann Toya kennen lernt. Durch ihn scheinen für Sanya und seine Mutter bessere Zeiten anzubrechen: Sie finden eine Bleibe in einer netten Wohngemeinschaft, Toya bekommt seinen Sold von der Armee. Während der kleine Sanya den neuen Mann in der Familie noch nicht akzeptieren kann, malt sich Mutter Katya an der Seite eines Militärhauptmannes eine rosige Zukunft aus. Doch durch Zufall muss sie entdecken, dass Toya nicht nur kein Hauptmann beim Militär sondern dazu noch ein Dieb ist, der die nette Wohngemeinschaft ausrauben will. In ihrer finanziellen Not und aus Liebe zu Toya bleibt sie bei ihm, hilft ihm sogar. Als Toya aber beginnt, den kleinen Sanya für seine Einbrüche zu benutzen, will sich Katya endgültig von ihm trennen. Doch der kleine Sanya hat ihn inzwischen so lieb wie einen eigenen Vater gewonnen.
Aber dann wird Toya von der Polizei gefangen genommen und muss für sieben Jahre ins Gefängnis. So verliert der kleine Sanya zum zweiten Mal einen Vater. Und kurz darauf auch die Mutter.
Meinung
Dieser Film ist wie Russland im Winter, kalt und hart. Schon der Anfang mit Sanyas Geburt auf dem einsamen, eisigen Feldweg, allein und ohne Hilfe, weist die Richtung von Sanyas gesamter Kindheit. Drehbuchautor und Regisseur Pawel Tschuchrai zeichnet eine harte, pessimistische Realität mit nur sehr kleinen Nischen für Freude und Glück. Die gesamte Stimmung des Films ist unterschwellig sehr trostlos, bedrückend, hervorgerufen durch die atmosphärisch sehr dicht erzählte undramatisch tragische Geschichte.
Die Figur Katya ist mittellos, ausgebrannt und sehnt sich nach einem unbeschwerteren Leben, nach ein wenig Glück, das sie glaubt, bei Toya gefunden zu haben. In der ersten Wohngemeinschaft sehen wir sie aufblühen, ständig am lachen, selbst beim Wischen des Küchenfußbodens. Der kleine Sanya bekommt beim Singen auf dem Gemeinschaftsfest des Hauses das erste Mal ein Gefühl von Familie und Heim. Dagegen zeigt uns Regisseur Tschuchrai in der zweiten Wohngemeinschaft Katyas zerplatzen Traum. Statt fröhlich zu lachen, liegt sie resigniert auf dem Bett, hasst sich selbst wegen ihrer Schwäche, Toya zu verlassen. Auch uns als Zuschauer wird das bisschen Glück, auf das wir für sie gehofft haben, genommen. Dass der Film trotz dieser harten Realität nicht schwer wird, liegt an der dem Realismus zugetanen Inszenierung sowie dem unglaublich einnehmenden Hauptdarsteller Misha Philipchuk in der Rolle des kleinen Sanyas. Mit seinen wahnsinnig großen Augen schaut er unschuldig auf die Welt, seine Mimik erzählt dabei immer mehr als tausend Worte.
Der wohl bewegenste Moment des Filmes ist, als der kleine Sanya im meterhohen Schnee dem Wagen hinterherläuft, in dem Toya in das Gefängnis abtransportiert wird, und dabei ihn zum ersten Mal „Papa“ ruft. Auch in anderen Situationen hat Regisseur Tschuchrai sehr starke Bilder gefunden, um die Gefühle des kleinen Sanyas zum Ausdruck zu bringen. So lässt er ihn unter schwersten körperlichen Anstrengungen um das unter Schneemassen verborgene Grab seiner Mutter Möbelteile aufbauen, die das Grab bzw. seine Mutter vor der Außenwelt beschützen sollen.
Die einzige inszenatorische Enttäuschung bleibt das Ende des Films. Sanya lebt seit ein paar Jahren im Kinderheim und träumt davon, dass Toya ihn nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis abholen wird. Durch Zufall sehen sich die beiden wieder. Als Toya sich kaum an ihn erinnern zu scheint, bringt Sanya ihn aus Enttäuschung um. Doch dieser Mord ist für den Ausdruck von Sanyas Enttäuschung überflüssig, an diesem Punkt des Filmes bröckelt Tschuchrais sonst so überzeugender Realismus. Auch das vermeintliche Fazit, Toya selbst habe den kleinen Sanya so hart gemacht und sei somit selbst für seinen Tod verantwortlich, scheint fragwürdig. Ebenfalls verzichten können, hätte man auf die schlecht eingesprochenen Voice Over des Erwachsenen Sanyas, der im Rückblick seine Geschichte erzählt. Insgesamt zeigt uns Tschuchrai aber ein stimmiges Bild eines kalten Russlands im Umbruch.
Russland mit Kinderaugen.
Sanya: Misha Philipchuk
Katya: Ekaterina Rednikova
Tolya: Vladimir Mashkov
Regie: Pawel Tschuchrai | Russland, Frankreich, 1997
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Pawel Tschuchrai | Kamera: Wladimir Klimow | Ton: Julia Jegorowa | Szenenbild: Victor Petrov | Schnitt: Marina Dobrjanskaja, Natalia Kutscherenko | Musik: Wladimir Daschkewitsch Produktion: NTV-Profit, Productions Le Pont, Roissy Films

