David wants to fly
Handlung
Abgründige Filme wie sein Idol David Lynch habe er machen wollen, berichtet der Filmstudent David Sievekov, aber ihm fehlten die Abgründe. Auf sie stößt er dort, wo er sich inneren Einklang erhoffte. Angeregt durch David Lynch kommt er mit der spirituellen Bewegung der Transzendentalen Meditation in Berührung, deren Guru Maharishi Mahesh Yogi ist. Sievekov ist fasziniert von der Heilslehre um inneren Einklang, Mantra und „yogisches Fliegen“, welches der Maharishi nur nie öffentlich demonstriert habe, weil er laut einem Anhänger „ein bescheidener Mensch“ sei. Doch wo fließen die Unsummen an Spendengeldern hin, welche der vorgeblich allem Weltlichen entsagende Maharishi sammelt, was steckt hinter den obskuren Unbesiegbarkeitsplänen der Sekte und was meint David Lynch, wenn er behauptet, ein stinkender Gummi-Clownsanzug trenne uns alle von der Glückseligkeit? Als Sievekov unliebsame Fragen stellt, wandelt sich das Wohlwollen Lynchs und der Sektenvertreter in Feindseligkeit.
Meinung
Mehr als fragwürdig erscheint die Transzendentale Meditation schon bevor David Sievekovs Dokumentarfilm „David wants to fly“ eine kritische Position einnimmt. Dass der aufgeschlossene Student ihr dennoch fast verfällt, unterstreicht mit entwaffnender Offenheit die Anziehungskraft der Sekte. Mit seiner temporären Hinwendung zu der Religionsgruppe ist Sievekov nicht allein. Mia Farrow, Clint Eastwood, Donovan und die Beatles sind nur einige prominente Unterstützer der Bewegung. Wie David Lynch, Regisseur von „Blue Velvet“ und „Mullholland Drive“. Mit Lynchs ausweichenden Reaktionen auf kritische Fragen beginnen Sievekovs Zweifel. Trotz seiner Bewunderung für den Kultregisseur, der schließlich mit einer Klage gegen die Veröffentlichung der Dokumentation drohte, wird Lynch weder verteufelt noch zum Opfer einer Ideologie stilisiert. Der Kultfilmer bleibt eine Randfigur. Der Filmtitel „David wants to fly“ scheint sich mehr auf seinen Namensvetter David Sievekov zu beziehen, der sich erfolglos im „yogischen Fliegen“ versucht. Dessen Beziehungsprobleme und persönliche Suche nach spirituellem Einklang nehmen fast ebenso viel Raum ein wie die eigentliche Thematik.
Trotz dieser ermüdenden Ablenkungen ist Sievekovs kritisches Engagement ernsthaft. In den USA möchte Lynch TM an öffentlichen Schulen als Unterrichtsfach einführen. Leite man eine Millionen Kinder auf den Weg der Transzendentalen Meditation „it would be huge.“, so Lynch. Eine unheimliche Vorstellung. Denn ehemalige Anhänger der Sekte verbergen aus Angst vor Repressalien ihr Gesicht, haben ihre Gesundheit ruiniert, weil TM Schulmedizin ablehnt und hundertausende Dollar an die Sekte verloren. Als „größten spirituellen Betrüger der Geschichte“ bezeichnet der Unternehmer Earl Kaplan den Maharishi. 150 Millionen hat Kaplan in TM investiert. Für den Weltfrieden. Den kann man nach der unausgesprochenen TM-Philosophie genauso kaufen wie spirituelle Erleuchtung. Eine Millionen kostet die Schulung zur religiösen Führungsposition eines Rajas. Wer es wie das deutsche TM-Oberhaupt Raja Emanuel soweit gebracht hat, erklärt schon mal den Berliner Teufelsberg zum TM-Eigentum. Glaube versetzt nicht nur Berge, er kauft sie auch. Unter der Obhut Lynchs wird auf dem Teufelsberg 2007 der Grundstein für eine „Universität der Unbesiegbarkeit“ gelegt. Unbesiegbar machen wollte Deutschland schon Adolf Hitler, der hier den Grundstein für eine Wehrakademie legte. Schade, dass es ihm nicht gelungen ist, bemerkt Raja Emanuel. Da buhen endlich sogar die Sektenanhänger. Doch Lynch glättet die Wogen. Die Szene erklärt, warum „David wants to fly“ den Regisseur nicht „in Ruhe lässt“, wie es Sievekovs Freundin fordert. „Er ist nicht einfach David Lynch.“, entgegnet Sievekov. „Er ist eine Werbefigur geworden.“
Von seinem TM-Glauben bleibt am Ende nur eine Ruine, noch brüchiger als jene auf dem Teufelsberg, welchen der Dokumentarregisseur mit seiner Freundin besucht. Auf bizarre Weise hat sich das Heilversprechen des Maharishi für den jungen Dokumentarfilmer erfüllt. Die Inspiration für einen Film, an welcher es ihm zuvor fehlte, hat er dank der TM-Lehre gefunden - wenn auch in gänzlich anderer Art, als es sich beide Seiten wohl erhofft hatten. Die makabere Pointe des Langfilmdebüts, welches viele Fragen ungeklärt lässt. Was hat es mit der gezeigten TM-Kolonie in den USA auf sich? Werden die „yogischen Flieger“ dort gefangen gehalten? Ist David (Sievekov) wieder mit seiner Freundin vereint? Ein wenig abgehoben sind im Laufe der Reportage alle: die beiden Davids, die Sektierer und die Filmhandlung. Der Unterhaltsamkeit tut es keinen Abbruch.
Spirituelles Abheben eines Kultregisseurs.
Mit: David Lynch, Donovan, Earl Kaplan, Raja Emanuel
Regie: David Sievekov | Deutschland, Österreich, Schweiz, 2010
Länge: 97 Minuten | FSK: ab 12 | Buch: David Sievekov | Kamera: Adrian Stähli | Musik: Karl Stirner | Schnitt: Martin Kayser-Landwehr | Produktion: Martin Heisler, Carl-Ludwig Rettinger

