Das Zimmer im Spiegel


Handlung

In einem dunklen Spiegel sieht Luisa die Welt. Der Spiegel steht in der Dachwohnung, in welcher die Jüdin sich Anfang der vierziger Jahre vor den Nazis versteckt. Kaum einen Laut wagt Luisa zu verursachen, aus Angst, die Nachbarn im Mietshaus könnten Verdacht schöpfen. Ihr deutscher Ehemann Karl bringt ihr Essen, Bücher und Zeitungen, voll von faschistischen Hetzatikeln gegen Juden. Seine Besuche sind der letzte und einzige Kontakt der jungen Frau zur Außenwelt. Bis auf die Stimmen, die durch die Wände in den geschlossenen Raum dringen: Gespräche der Nachbarn, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen auf der Straße. Eines Abends wartet Luisa vergeblich auf Karl. Statt seiner kommt ein anderer Gast. Eine mysteriöse Frau steht vor der Tür: Die mondäne Judith, eine Schauspielerin und Widerständlerin, die Karl einmal als seine Bekannte erwähnte. Luisa nimmt Judith auf.


Die Erzählungen der faszinierenden Fremden fesseln Luisa, Judiths erotische Ausstrahlung und Anziehungskraft verführen sie. Beide scheinen Seelenschwestern – vielleicht sogar noch mehr. Traum und Realität verschmelzen in den dunklen Räumen diesseits und jenseits des Spiegels.

Meinung

“Was ist das für Musik?“, fragt Luisa zu schwermütigen Streicherklängen. Beethoven. Und zwar die neunte. Dass man selbst als musikalische Laiin das Stück benennen kann, ist dessen inflationären Gebrauch in Filmen geschuldet. Ertönen die tragischen Noten, steht irgendetwas Bedeutsames, Schicksalhaftes an. Jemand stirbt, die Welt geht unter, Liebende werden getrennt oder alles zusammen. Letztes trifft auf die frühe Szene in Rudi Gauls Debütfilm zu. Jener ungebrochene hochtrabende Gestus wird dem ungewöhnlichen Kammerspiel zum Verhängnis. Surrealistische Elemente, psychologischer Subtext und Symbolismus sollen die Komplexität der Handlung in schwindelnde Höhen treiben. Dabei ist Gauls Plot so durchsichtig und vertraut, dass die künstlerische Patina kulissenhaft wirkt wie die Theaterrequisiten, welche das Szenenbild prägen. Mit der Isolation der Hauptfigur beginnt das Ahnen. Steht Judith vor der Tür, weiß man längst, wohin die Handlung läuft. Gauls Grundidee ist zwar nicht neu, jedoch konsequent und durchdacht umgesetzt. Nur fehlt es seiner Mischung aus Drama, Experimentalfilm und psychologischem Horror an inszenatorischer Überzeugungskraft.

„Das Zimmer im Spiegel“ ist ein filmisches Wagnis, welches in gelungenen Momenten den Sog einer Fieberphantasie entfaltet. Wie in einer Schaueroperette werden die Lieder Brechts und Weills von den Figuren mit rezitiert. Als seien sie sich der Zuschauerschaft bewusst, provozieren die Figuren mit ihrem seelischen und physischen Exhibitionismus den Voyeurismus der Zuschauer. Versponnen und abstrakt schöpft das Melodram aus seiner rein subjektiven Perspektive eine trotz des minimalen Budgets beeindruckende Ästhetik. Zwei Spiegel gibt es in der Handlung: Den gerahmten in der Einrichtung und das Szenenbild als Spiegel Luisas Psyche. Je verwirrter ihr Geist, desto desolater werden die Räume. Vom Gefängnis wird die Wohnung für Luisa zum Spiegelkabinett ihrer Imagination. Wunsch- und Alptraum verschmelzen in der Gedankenwelt, in welche sie vor der Realität flieht. Der reizvolle Kontrast zwischen historischem Setting und phantastischer Handlung wird in der Dramaturgie dennoch nie voll genutzt. „Das Zimmer im Spiegel“ ist kein Film, dem man im Kino erwartet. Wer in einer schlaflosen Nacht durch die Kanäle zappt, auf denen weder 0190-Nummern noch Aquarienfische den Bildschirm blockieren, und an einem jener skurrilen Filmexperimente hängen bleibt, bekommt eine Vorstellung von dem bizarren Reiz des Films. „Das Zimmer im Spiegel“ ist ein filmisches Scheitern, doch als solches weit interessanter und überraschender als ein massenkompatibler Erfolg.

Andere Stimmen, andere Räume.

von Lida Bach



Luisa: Kirstin Fischer
Karl: Dragan Mija Kovic

Judith: Eva Wittenzeller

Regie: Rudi Gaul | Deutschland, 2009

Länge: 107 min | FSK: ab 6 | Buch: Rudi Gaul | Kamera: Christian Hartmann | Szenenbild: Gwendolyn Henn | Schnitt: David Purviance | Produktion: Rudi Gaul, Isabella von Klass, Florian Nöhbauer