Das Summen der Insekten
Handlung
„Wenn ich den Weg, den ich gegangen bin, zurück gehen würde, könnte ich wieder anfangen zu leben.“, steht in dem Tagebuch, welches in einem Zelt aus Plastikplanen im Wald gefunden wird. Der Schreiber ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Auszehrung und Witterungsbedingungen haben seine Leiche zu einer Mumie schrumpfen lassen. Wer ist der unbekannte Mann, der sich in die Einsamkeit des Waldes zum Sterben zurückgezogenen hat? In persönlichen Notizen, welche bei ihm gefunden wurden, beschreibt der Tote einen minutiösen Reisebericht über seinen selbstgewählten Weg in den Tod. Eine Reise in die Verlassenheit des Waldes, wo nur die Geräusche von Insekten die lokale Einsamkeit durchbrechen, welche die ambivalente Distanzierung eines Individuums von der Gesellschaft bezeichnet.
Meinung
Peter Liechtis Verfilmung der Novelle des japanischen Schriftstellers Shimada Masahiko, der am Drehbuch zu „The Sound of Insects“ mitwirkte, steht an der Grenze von dem, was die Einen als Meisterwerk bezeichnen und Andere ratlos zurück lässt. In dokumentarischem Stil wagt der Schweizer Regisseur ein in seiner Radikalität beeindruckendes filmisches Essay über den sozialen Rückzug eines Menschen. Der Titel spielt auf die Dimension an, welche Geräusche in der Einsamkeit für den Selbstmörder erhalten. Das Geräusch des Regens möge er nicht, berichtet der Erzähler. Es erinnert ihn an die Schritte von jemandem, der ihn besuchen kommt. Die Angst, gefunden zu werden, paart sich mit der Sehnsucht danach: „Ich wünsche mir, es käme jemand, um mich zu retten.“ Niemand kommt. Der Finder, von dessen grausiger Entdeckung die ersten Szenen berichten, stößt auf einen mumifizierten Körper. Niemand scheint den Selbstmörder vermisst, sein Verschwinden überhaupt bemerkt zu haben. „Er schien von der Welt vergessen worden zu sein und man kann annehmen, dass er sich dessen sehr wohl bewusst war.“, berichtet ein einleitender Hintergrundkommentar nach Auffinden des Toten. Der physische Tod erscheint als logische Konsequenz auf das sozialpsychologische Sterben. Hinter dem Lebensüberdruss, welchen der Sprecher als Selbstmordgrund nennt, scheint Einsamkeit zu liegen, doch die tatsächlichen Motive für die bizarre Tat bleiben im Dunkeln. Konsequent erscheint sie nur oberflächlich. Der Protagonist wählt einen langwierigen Hungertod, statt sein Leben rasch zu beenden. Noch auf dem Weg in den Wald isst er etwas, nimmt Mineralwasser mit und trinkt später Regenwasser, um das Sterben hinauszuzögern.
Der makabere Untertitel vermittelt in seiner Doppeldeutigkeit besser die Ambivalenz der filmischen Atmosphäre. „Record of a Mummy“ kann sowohl der Bericht einer wie auch über eine Mumie sein und umfasst ein Bedeutungsfeld von Biografie bis hin zu Gerichtsprotokoll. Die Worte des Ich-Erzählers mäandern zwischen nüchternen Feststellungen und absoluter Subjektivität. Dem Kontrast eine innere Dynamik abzugewinnen, gelingt “The Sound of Insects“ nicht. Ob der zunehmend Realitätsverlust der Hauptfigur durch den plötzlichen Nahrungsverlust ausgelöst wurde oder Zeichen einer bereits bestehenden Psychose ist, bleibt unklar. Die Wahnbilder erscheinen mehr kurios denn tragisch. Den Manager der anderen Welt möchte der Protagonist anrufen, damit man ihn freundlich aufnehme. Da ist er nicht der Einzige: „Von früh bis spät an den Tod zu denken, wird irgendwann langweilig.“ Das lange Sterben empfindet nicht nur der Protagonist als zehrend: „Ich wünsche mir eine Uhr, auf der die Zeit schneller vergeht.“ Nicht nur er. Die Schwermut weicht der Schwerfälligkeit. Dokumentarische Aufnahmen des Waldes unterwandern surrealistisch anmutende Bilder. Eine Messerwerferin, Fahrgäste eines Kettenkarrussels, die wie Marionetten in den Gondeln hängen, Insekten. Zeichen, die um eine Leerstelle kreisen. Der zentrale Charakter bleibt ein Unbekannter wie die anonyme Leiche, welche zu Beginn abtransportiert wird. Namenlos, ein Unsichtbarer, dem Liechtis Drama trotz intensiver Momente keine Gestalt zu verleihen vermag. Allein seine Notizen evozieren eine Figur, wie „Das Summen der Insekten“ der in der Dunkelheit des Waldes unsichtbaren Käfer und Spinnen. Eigenwillige letzte Worte vor der Selbstzerstörung, gleich einem Hilfeschrei ausgestoßen im schalldichten Raum.
Ein (zu) langer Abschied.
Sprecher: Alexander Tschernek
Sprecherin: Nikola Weisse
Regie: Peter Liechti | Schweiz, 2009
Länge: 88 min | FSK: ab 12 | Buch: Peter Liechti, Masahiko Shimada | Kamera: Matthias Kälin, Peter Liechti | Musik: Christopher Homberg, Norbert Möslang, Martin Schütz | Schnitt: Tania Stöcklin | Produktion: Peter Liechti

