Das junge Mädchen
Handlung
„Vergewaltigung!“ hallt es durch die Straßen einer amerikanischen Stadt im Süden. Ein Schwarzer rennt davon, schnappt sich ein Boot und flieht auf eine Insel vor der Küste von Carolina. Dort begegnet der Flüchtige, ein Jazzmusiker aus dem Norden namens Traver, dem Wildparkhüter Miller, der auf das heranwachsende Mädchen Evalyn, deren genaues Alter nicht erwähnt wird, aufpasst, seitdem ihr Großvater nicht mehr lebt. Ein Katz- und Mausspiel, bei dem ständig das Mächteverhältnis umschlägt, entbrandet. Evalyn steht zwischen den Männern. An einem Abend entdeckt Miller seine Lust an dem Mädchen und „macht sie zur Frau“, wie er selbst den Missbrauch schön redet. Als ein Priester und ein rassistischer Bootsmann die Insel besuchen und von den Verbrechen der beiden Männer, wobei es dem unschuldigen Traver nur angehangen wird, Wind bekommen, wird zwischen Schuld und Sühne verhandelt.
Meinung
„Das junge Mädchen“ entstammt einer Periode in Buñuels Schaffen, die bisher wenig beachtet wurde und erst mit der Veröffentlichung der zugehörigen Filme auf DVD wieder in das kulturelle Bewusstsein rückt. Sie ist zwischen den surrealen Filmen, die ihn über Nacht bekannt machten, und seinen europäischen Meisterwerken wie „Belle de Jour“ oder „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“, die Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten, einzuordnen. Als Buñuel in den 1950ern nach Mexiko ging, staubte dort sein Regiestuhl nicht ein, sondern er drehte fleißig weiter. Viele dieser mexikanischen Werke sind heute eher unbekannt und erweisen sich als Schätze für Buñuel-Liebhaber, auch wenn sie aus seinem Gesamtwerk etwas herausfallen. Zu ihnen gehört auch „Das junge Mädchen“. In englischer Sprache gedreht, packt Buñuel hier zwei heiße Eisen an: Kindesmissbauch und Rassenkonflikt.
Obwohl sich der Drehort in Mexiko befand, spielt die Handlung in den Staaten. Der Blick von außen auf das amerikanische Rassismusproblem deutet auf Objektivität hin. Wie heißt es so schön: „Der Betrachter am Spielfeldrand sieht mehr vom Spiel als der Spieler auf dem Feld“. Buñuel zeigt sich als Beobachter. Er wertet nicht, sondern lässt die Geschichte und die Figuren für sich sprechen. Die beiden männlichen Hauptcharaktere, die er gegenüberstellt, sind sich nicht unähnlich. Sie stehen sich in Mut, Schlagfertigkeit und Gerissenheit in nichts nach. Wenn sie sich unter anderen Vorzeichen kennengelernt hätten, wären sie eventuell sogar Freunde geworden.
Konsequent und beinah schon anrührend, wirkt deshalb die letzte Szene, in der Miller über seinen Schatten springt, Traver laufen lässt und ihn am Fluss verabschiedet. Dennoch, die bittere Pointe des Films, die auch als Kommentar auf einen Missstand des Rechte- und Wertesystems der USA zu dieser Zeit verstanden werden kann, ist folgende: Der schwarze Mann, der ein Sexualverbrechen begangen haben soll, wird verfolgt und den weißen Mann, der tatsächlich ein Täter ist, lässt man laufen.
Interessanter Weise schneidet die Kirche in „Das junge Mädchen“ nicht so schlecht ab, wie in Buñuels späteren Filmen. Der Priester gehört zu den Guten – die Trennwände zwischen Gut und Böse sind bei dem spanischen Regisseur allerdings stets sehr durchlässig. Der Kirchliche ist um Aufklärung des Kindesmissbrauchs bemüht und hat die richtige moralische Einstellung, aber er setzt sich nicht so durch, wie es angebracht wäre.
Ohne Firlefanz, stets spannend und mit überraschenden Wendungen überzeugt „Das junge Mädchen“ erzähltechnisch auf ganzer Linie. Auch optisch hat der Film etwas zu bieten. In den atmosphärischen Schwarzweißaufnahmen spürt man die staubige Luft des Südens und die Schwüle des Sumpfs. Und die gut durchkomponierten Bilder in der Hütte lassen erkennen, dass ein begabter Regisseur am Werk war. Dass dies allerdings Buñuel war, erstaunt.
An- statt Übersehen.
Traver: Bernie Hamilton
Miller: Zachery Scott
Evalyn: Key Meersman
Priester: Claudio Brook
Bootsmann: Crahan Denton
Regie: Luis Buñuel | USA, Mexiko, 1960
Länge: 95 min | FSK: ab 16 | Buch: Hugo Butler, Luis Buñuel | Kamera: Gabriel Figueroa | Szenenbild: Jesús Bracho | Schnitt: Carlos Savage | Produktion: George P. Werker

