Das Ende ist mein Anfang
Handlung
Ein Gespräch zwischen Vater und Sohn wünscht sich der todkranke Tiziano Terzani. So bricht der angehende Autor Folco Terzani zu dem toskanischen Landhaus seines Vaters und der Mutter Angela auf. Sie alle wissen, dass es ihr letztes gemeinsames Beisammensein ist. Doch der Tod kann den ehemaligen Auslandskorrespondenten und Autor Terzani nicht schrecken. In langen Gesprächen erzählt er Folco von der ersten Begegnung mit Angela, seinen Jahren als überzeugter Kommunist in China und seinem Rückzug in ein buddhistisches Kloster.
Durch die Gespräche kann Folco alten Groll gegen Tiziano endlich begraben und er lernt seinen Vater von einer anderen Seite kennen. Als er schließlich für immer von ihm Abschied nimmt, hat sich auch Folcos Sicht auf Leben und Tod für immer verändert.
Meinung
Der letzte Spaziergang von Vater und Sohn in die Berge, ihr wohlformuliertes Gespräch, die erste und letzte Begegnung von Tiziano und seinem neugeborenen Enkel könnten einem Roman entstammen. Tatsächlich beruhen sie auf den Aufzeichnungen Folco Terzanis, der die Gespräche mit seinem bekannten Vater zu einem Bestseller verarbeitete. Jo Baier verfilmte das von Folco Terzani mitverfasste Drehbuch zu einem Kammerspiel, dessen geschlossener Raum der Platz auf der Veranda des Anwesens ist. Hier führen Folco und Tiziano den Großteil ihrer Gespräche, die auch eine persönliche Annährung zwischen Vater und Sohn sind. Der Tod ist immer präsent in der Handlung. Dennoch ist „Das Ende ist mein Anfang“ kein schwermütiges Drama. Die Vorstellung vom Tod als bedrohlichen Sensemann sei ihm stets zuwider gewesen, sagt Tiziano. Jo Baiers Inszenierung ist durchdrungen von diesen Worten. Dem großen gesellschaftlichen Tabu nimmt er seinen Schrecken, indem er es aus pragmatischer Perspektive betrachtet. Nach einem erfüllten Leben ist der Tod nicht der traurige Abbruch des Daseins, als der er allgemein gesehen wird, sondern dessen Vollendung. Ein universelles Drama über den Kreislauf des Seins zu erzählen, misslingt, weil „Das Ende ist mein Anfang“ zu sehr auf diese Vollkommenheit fixiert ist. Die toskanische Landschaft leuchtet verklärt, bis sich in einem Wolkenbruch die Himmelspforten für den Todkranken öffnen.
Ganz in weiß gekleidet gleitet Bruno Ganz gleich einer Lichtgestalt durch den Film. Gebrechlich und leidend wirkt er nur ausnahmsweise. Tizianos Lebensbejahung, begleitet von sanfter Trauer, erscheint verbrämt in ihrer grenzenlosen Pietät. Statt die Kanten des Hauptcharakters auszuleuchten, scheint dramaturgisches Kalkül sie abgeschliffen zu haben. Mehrfach scheinen in den Äußerungen des Sohnes unterdrückte Konflikte durch. Offen thematisiert werden sie nie, so dass die Annäherung zwischen Vater und Sohn aufgesetzt erscheint. Im dominanten Verhalten Tizianos liegt besonders gegenüber Angela etwas Herrisches. Doch Baier reduziert die Ehefrau auf die Rolle der aufopfernden Pflegerin und treusorgenden Dulderin. Mit ihren Schattenseiten verliert die schillernde Persönlichkeit Tiziano Terzanis einen Teil ihrer Tiefe. Obwohl der Handlungsort das reale Landhaus Terzanis ist, entsteht niemals das Gefühl von Intimität. Zu schwer wiegt das Schwärmerische, als dass der filmische Balanceakt zwischen Tragik und Leichtigkeit gelingen könnte, den „Das Ende ist mein Anfang“ versucht. Der Kreis schließt sich bedeutsam figürlich und vor der Kamera, wenn Tiziano ihn gleich einer Kalligrafie auf Papier zeichnet. Dergleichen Symbole sind zu abgegriffen, um bewegend oder gar philosophisch zu wirken.
Nicht jedes Wort wird zur Weisheit, nur weil es ein Sterbender gesprochen hat. Einmal habe er in den Bergen einen Marienkäfer gesehen und hatte das Gefühl, selbst der Käfer zu sein. Und der Marienkäfer „... flog davon. Ins Unendliche.“ Irgendwo dort befindet sich vermutlich auch die dramatische Ernsthaftigkeit. Jeder spiele viele Rollen in seinem Leben und trage viele Masken, sagt Tiziano. „Und jetzt trägst du keine Maske mehr?“, fragt sein Sohn. Womöglich hat er selbst ihm eine solche in seinem Drehbuch aufgesetzt.
Der alte Mann und der Tod.
Tiziano Terzani: Bruno Ganz
Folco Terzani: Elio Germano
Angela: Erika Pluhar
Saskia Terzani: Andrea Osvart
Novi: Nicolo Fitz-William Lay
Regie: Jo Baier | Deutschland, 2010
Länge: 98 min | FSK: ab 6 | Buch: Falco Terzani, Ulrich Limmer | Kamera: Judith Kaufmann | Szenenbild: Eckart Friz | Musik: Ludovici Einaudo | Schnitt: Claus Wehlisch | Produktion: Ulrich Limmer

