Cocktail für eine Leiche
Handlung
Ein Seil schlingt sich um den Hals des Studenten David, wenige Sekunden später ist er tot. Seine Mörder, Brandon und Phillip, sind gute Freunde Davids. Das Motiv der beiden hochintelligenten Studenten ist der Nervenkitzel. Sie wollen den perfekten Mord begehen und vertreten die Auffassung, dass es den intelligentesten Menschen vorbehalten sein sollte, weniger exzellente Artgenossen zu töten. Um ihrer Tat die Krone aufzusetzen, laden die Täter einige Bekannte zu einer Dinnerparty ein, darunter Davids Vater und seine Verlobte. Ebenfalls unter den Gästen befindet sich ihr ehemaliger Hochschulprofessor Rupert, den beide zutiefst bewundern. Das kalte Buffet wird auf der Bücherkiste angerichtet, in der Brandon und Philipp ihr Opfer verstaut haben. Während der Party kreisen die Gedanken der Gäste um den Verbleib Davids, der ebenfalls eingeladen war. Je weiter der Abend fortschreitet, desto nervöser werden die Täter, besonders da Rupert Verdacht zu schöpfen scheint.
Nachdem alle Gäste gegangen sind, kehrt der Professor unter einem Vorwand in die Wohnung zurück und stellt die beiden Studenten zur Rede. Als Brandon versucht, Rupert niederzuschießen, wird er von diesem überwältigt. Der Professor ruft die Polizei, die sich unter Sirenengeheul dem Tatort nähert: Das perfekte Verbrechen gibt es nicht.
Meinung
Nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandte sich Alfred Hitchcock in „Cocktail für eine Leiche“ einem brisanten Thema zu: Die Mörder Brandon und Phillip betrachten sich selbst als Übermenschen, denen es frei stehe, über das Schicksal „minderwertiger Subjekte“ zu entscheiden. Zwar basiert der Film auf einem Roman von 1929, welcher wiederum Parallelen zum Fall der jugendlichen Mörder Leopold und Loeb aufweist, doch die Bezüge zur Ideologie des soeben untergegangenen „Dritten Reichs“ sind nicht zu übersehen.
Neben Anleihen bei Nietzsche und dem Herrenmenschen-Wahn der Nazis ist es vor allem die bemerkenswerte Struktur, die Hitchcocks Werk mit einiger Verspätung zum Klassiker werden ließ. Der spannungsreiche Aufbau erinnert an Edgar Allan Poes bekannte Erzählung „Das verräterische Herz“ – mit dem Unterschied, dass Brandon und Phillip den Nervenkitzel aktiv suchen. In beiden Fällen lautet das Schlüsselwort: „Suspense“. Seine Vorstellungen von diesem Begriff erläuterte Hitchcock gern an Hand eines einfachen Beispiels: Wenn eine versteckte Bombe unter einem Tisch, an dem mehrere Leute frühstücken, plötzlich explodiert, ist dies ein Schreck und unterhält 20 Sekunden lang; wenn der Zuschauer die Lunte jedoch lange brennen sieht und die Figuren nichts davon ahnen, ist dies „Suspense“ und fesselt fünf oder zehn Minuten lang.
In „Cocktail für eine Leiche“ führte der Regisseur dieses Konzept zur Perfektion: Schon in der ersten Szene werden wir als Zuschauer Zeuge eines Mordes. Wir kennen die Täter und sehen, wie sie die Leiche ihres Opfers in einer Bücherkiste verstauen. Dass ihre Tat unweigerlich ans Licht kommen wird, ist uns ebenso klar wie die Tatsache, dass dies vermutlich erst gegen Ende des Films geschehen wird. Obwohl die Handlung also keinerlei Überraschungen zu bieten hat, ist „Cocktail für eine Leiche“ sehenswert. Wie so oft beim „Master of Suspense“ gilt: Der Weg ist das Ziel. Und so kann auch dieser Film mit allen Merkmalen eines gelungenen Hitchcock-Films aufwarten: Pointierte Dialoge, eine stilsichere Inszenierung (freilich nicht ohne das ein oder andere „plot hole“) und handwerkliche Finessen.
Zum ersten Mal in seiner Laufbahn inszenierte Hitchcock ein beinahe klaustrophobisches Kammerspiel, vergleichbar mit späteren Werken wie „Das Fenster zum Hof“ und „Bei Anruf Mord“. Für die damalige Zeit revolutionär war sein Versuch, den gesamten Film in einer einzigen Einstellung zu drehen. Zwar scheiterte das Experiment an der Länge der damaligen Filmrollen, die auf zehn Minuten begrenzt waren; doch mithilfe – erkennbar – kaschierter Schnitte gelang es dem Regisseur, zumindest die Illusion einer fortlaufenden Kamerafahrt zu erzeugen. Durch die relativ statische und unbewegliche Kamera entsteht der Eindruck eines abgefilmten Theaterstücks.
Zwar erweisen sich nicht alle Schauspieler dieser großen Herausforderung gewachsen, doch zumindest bei der Besetzung der beiden Hauptrollen bewies Hitchcock ein einigermaßen sicheres Gespür. Die an eine Gerichtsverhandlung erinnernden Wortgefechte zwischen John Dall und James Stewart zählen zu den fesselndsten Momenten des Films. Dall gelingt die glaubhafte Darstellung eines zynischen Dandys, während der etwas routinierte Stewart scheinbar erneut seine Paraderolle des aufrichtigen Saubermannes übernimmt – diesmal jedoch inklusive diverser Abgründe und Schattenseiten. Schließlich war es der Professor, der die Saat der Gewalt in Brandon und Philipp pflanzte. Der Film funktioniert daher auch als Plädoyer für eine verantwortungsbewusste und ethischen Maßstäben gehorchende Wissenschaft. Der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki lag gerade erst drei Jahre zurück ... Die Nebenfiguren der Inszenierung sind eher schmückendes Beiwerk: Constance Collier darf als liebenswürdige Mrs. Atwater etwas Farbe ins Spiel bringen, Edith Evanson gibt die mürrische Haushälterin und Cedric Hardwicke als besorgter Vater hebt die Handlung auf eine emotionale Ebene. Der Rest der Besetzung bleibt dagegen eher blass, was jedoch in den meisten Fällen nicht weiter tragisch ist. Einzig die etwas schwache Leistung Farley Grangers, dessen unsicheres und tölpelhaftes Auftreten bisweilen unfreiwillig komisch wirkt, fällt negativ ins Gewicht.
„Cocktail für eine Leiche“ ist kein Film, den man sich immer wieder ansehen kann. Die etwas biedere Aufmachung verliert nach einiger Zeit ihren Reiz und so manch spannender Aspekt, wie etwa das homoerotisch aufgeladene Dreiecksverhältnis zwischen Rupert, Brandon und Philipp, ist nicht stark genug ausgeprägt, um die Handlung über 80 Minuten tragen zu können (was vermutlich eher der Zensur anzulasten ist). Selbst die innovative Erzähltechnik ist seit Filmen wie „Timecode“ und „Russian Ark“ kein Alleinstellungsmerkmal mehr und heute vor allem aus filmhistorischer Sicht interessant. Hitchcock selbst bezeichnete das Werk als ein Experiment, das gescheitert sei. Mit „Cocktail für eine Leiche“ verabschiedete sich der Regisseur von der schlanken Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner frühen Schaffensperiode, die 1960 in „Psycho“ ein kurzes Comeback erleben sollte. An die Stelle der düsteren Noir-Bilder trat in den fünfziger Jahren eine aufwändige Technicolor-Opulenz, die zwar schön anzusehen, aber leider nicht zeitlos ist.
Makaberes, leicht angestaubtes Kammerspiel
David Kentley: Dick Hogan
Brandon Shaw: John Dall
Phillip Morgan: Farley Granger
Mr. Kentley: Cedric Hardwicke
Janet Walker: Joan Chandler
Rupert Cadell: James Stewart
Mrs. Atwater: Constance Collier
Mrs. Wilson: Edith Evanson
Kenneth Lawrence: Douglas Dick
Regie: Alfred Hitchcock | USA, 1948
Länge: 80 min | FSK: ab 16 | Buch: Hume Cronyn, Arthur Laurents | Kamera: William V. Skall, Joseph Valentine | Szenenbild: Perry Ferguson | Schnitt: William H. Ziegler | Musik: David Buttolph | Produktion: Sidney Bernstein, Alfred Hitchcock für Transatlantic Pictures

