Citizen Kane


Handlung

Kurz bevor Zeitungsmagnat Charles Foster Kane für immer die Augen schließt, vernimmt man ein leises „Rosebud“ unter seinem letzten Atemzug. Die Nachricht vom Tod des berühmten Mannes, der sich in den letzten Jahren seines Lebens in seinem luxuriösen Anwesen Xanadu verschanzte, verbreitet sich schnell. Journalist Thompson sucht für seinen Nachruf einen besonderen Aufhänger und möchte herausfinden, wer „Rosebud“ ist. Deshalb macht er sich auf Spurensuche. Er liest in den Memoiren von Kanes Ziehvater, befragt seinen Freund Jed Leland und seine Geliebte Susan Alexander. Und so langsam ergibt sich ein Bild von Kane. Als Kind von seinen Eltern weggeben, machte er sich früh einen Namen als Journalist, später als Chefredakteur des „New Yorker Inquirer“, den er zu seiner Blüte führt. Er expandiert und wird zum einflussreichsten Zeitungsmann im Land. Durch eine Affäre gerät er aber selbst in die Schlagzeilen. Er bricht mit seinem Freund und Wegbegleiter Leland. Als verbitterter und gebrochener Mann zieht er sich zurück. Er errichtet sein eigenes Monument, eine Wunderkammer von unschätzbarem Wert. In einem letzten Versuch, „Rosebud“ zu finden, begibt sich Thompson an diesen Ort. Doch auch in Xanadu hat er keinen Erfolg. Während er sich beim Butler informiert, werden Kanes wertlose Besitztümer verbrannt.


Im Ofen verschwindet auch ein Schlitten. Er trägt die Aufschrift „Rosebud“.


Meinung

Was kann man über einen Film schreiben, der bei jedem Kritiker auf der Favoritenliste ganz oben steht, der die nachfolgende Filmkultur maßgeblich mitbeeinflusste und der als der meistzitierteste Film bei den „Simpsons“ geführt wird? Vielleicht nur soviel: Er hat diesen Status, weil er ihn verdient. „Citizen Kane“ gehört zu den Meilensteinen des Kinos und hat heute nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. Als Spielwiese eines Wunderkinds wird „Citizen Kane“ gerne beschrieben. Orson Welles war gerade mal 24 Jahre alt, als er sich an seinen ersten Spielfilm heranwagte und sich so richtig austobte, sowohl als Autor, als auch als Hauptdarsteller und Regisseur. Dass er ein kreativer Kopf ist, hatte er bereits zuvor im Theater und Radio bewiesen. In die Geschichte eingegangen ist seine Hörspielversion von H. G. Wells Sci-Fi-Klassiker „Krieg der Welten“, die vielen damaligen Hörern Angst einjagte. Sie nahmen wegen des dokumentarischen Stils des Hörspiels die inszenierte Marsmenscheninvasion für bare Münze. Auch in „Citizen Kane“ macht Welles Anleihen aus dem Dokumentarischen. Am offensichtlichsten wird dies natürlich in dem als Filmprolog in die Handlung einführenden Wochenschaubericht über Charles Foster Kanes Tod.

Die Geschichte des Medienmoguls Kane ist nicht uninteressant, doch was sie so einzigartig macht, ist die Erzählweise. Von einem Wort ausgehend, nämlich „Rosebud“, wird versucht, dem Mythos Kane auf die Schliche zu kommen. Man kann bis zum Schluss miträtseln, wer oder was dieser ominöse „Rosebud“ ist – das klassische Whodunit des Krimis wird hier zum Who-is-it umgedeutet. Obwohl sich das Rätsel am Ende löst, ist man genauso schlau wie am Anfang des Films. Er endet deshalb auch mit der Einstellung, mit der er begonnen hat: die Schildaufschrift „No Trespassing“ (Kein Zutritt) am Zaun vor dem Xanadu-Gelände. Im übertragenen Sinn gilt der Hinweis nicht nur für das Areal, sondern auch für seinen Besitzer – wir bekommen keinen Zutritt zu der wahren Person Charles Foster Kane.

Besonders in der restaurierten Fassung, die man jetzt auf DVD erhält, ist Orson Welles´ Erstlingswerk mit all seinen visuellen Raffinessen ein Hochgenuss für Cineasten. Die für den Film entwickelten Techniken, wie die Betonung des Raums durch die Tiefenschärfe, die Plansequenzen und die damals völlig unkonventionelle Lichtgestaltung finden einen klaren Ausdruck und machen „Citizen Kane“ auch auf dem Bildschirm zu einem optischen Leckerbissen. Jede Einstellung ist genau durchkomponiert. Weil die Ästhetik unserer heutigen Sehgewohnheit sehr nahe kommt, darf man nicht übersehen, dass Orson Welles zusammen mit seinem Kameramann Gregg Toland 1941 mit allen Hollywood-Konventionen in der Bildgestaltung brach, eine völlig neue Richtung einschlug und damit den Film revolutionierte. Ob es der beste Film aller Zeiten ist, darüber kann man streiten. Vielleicht ist die Geschichte und das Schauspiel dafür nicht fesselnd genug, doch der Erzählstil und die Bilder sind es allemal. Und so bleibt nichts weiter übrig, als sich in die Riege der Lobhudler einzureihen. „Citizen Kane“ ist ein Meisterwerk, das seinen Platz in der Filmgeschichte verdient hat.

Best of Cinema.

von Markus Wuttke



Charles Foster Kane: Orson Welles
Jerry Thompson: William Alland
Jed Leland: Joseph Cotton

Susan Alexander: Dorothy Comingore
Emily Kane: Ruth Warrick

Regie: Orson Welles | USA, 1941

Länge: 114 min | FSK: ab 12 | Buch: Orson Welles, Herman J. Mankiewicz | Kamera: Gregg Toland | Szenenbild: Van Nest Polglase | Schnitt: Robert Wise | Produktion: Orson Welles, George Schaefer