Caterpillar


Handlung

„Wir bringen Ihnen Lieutenant Kurokawa sicher zurück.“ Die Soldaten salutieren und lassen Shigeko und ihre Familie mit ihrem Ehemann zurück. Der 1940 aus dem Krieg zurückgekehrte Kurokawa hat keine Arme und keine Beine mehr, ist fast taub und kann nur stammeln. Gut, dass sie Shigeko während seiner Abwesenheit nicht verstoßen haben, sagen die Verwandten einander. Nun obliegt ihr die traditionelle Pflicht, den „lebenden Kriegsgott“, als den ein kaiserliches Schreiben Kurokawa lobt, zu pflegen. Gehorsam ist die erste Bürgerpflicht, hat Shigeko gelernt. Auch, wenn der Kriegsgott selbst ein Mörder und Kriegsverbrecher ist, der sie misshandelt und erniedrigt hat. Die Nachbarn verneigen sich vor den Orden Kurokawas. Was so schön prunkvoll aussieht, muss wichtig sein. Dem Kaiser dienen, ist noch wichtiger, am wichtigsten ist der Kriegsgott. Seinen Zorn fürchtet Shigeko nicht mehr. Die Schlacht mag vorbei sein, der psychische Krieg geht weiter.

Meinung

„Ich wollte die dunkle Seite des Menschseins darstellen.“, sagt Koji Wakamatsu auf der Pressekonferenz zu „Caterpillar“. Mit seinem verstörenden Drama ist es dem japanischen Regisseur in einem Maße gelungen, wie es wohl kein anderer Beitrag der 60. Berlinale erreichen wird. „Caterpillar“ führt dem Zuschauer das Abstoßende und Pervertierte als grausige Konsequenz des Krieges vor. Wakamatsus künstlerische Vereinigung physischer, psychologischer und sozialer Extremzustände ist mehr, als manche Zuschauer ertragen konnten. Wakamatsu zwingt zum Hinsehen. Die Verstümmelung des Hauptcharakters wird nicht als Schockeffekt inszeniert, sondern als unabänderlicher Dauerzustand. Die Gewalt endet nicht mit den Kampfhandlungen, sie besteht weiter in ihren Auswirkungen auf die Körper und Seelen der Betroffenen. „Ein guter Soldat lebt bescheiden und einfach.“ - Die Propagandaworte aus dem Radio wirken wie zynischer Spott über den verstümmelten Lieutenant. Nicht nur die erlittenen Kriegsgräuel verfolgen ihn, sondern auch die Gräueltaten, welche er im Krieg verübt hat. Wie er als Soldat Körper missbrauchte und verstümmelte, wurde Kurokawas eigener Leib verstümmelt. Mit diesem missbraucht er Shigeko, die ihn in verzweifelter Wut misshandelt.

Die trieborientierte Existenz, in welcher der hoch dekorierte Kurokawa vegetiert, verkörpert die triebhafte menschliche Natur. Die Verwandten wollen sich zuerst dem tröstenden Selbstbetrug hingeben, Kurokawa sei durch seine Verletzungen wahnsinnig geworden. Doch „Caterpillar“ flüchtet sich nicht in die beruhigende Illusion, dass schier unerträgliches Leid durch eine physische oder metaphysische Schutzvorrichtung automatisch ausgelöscht werde. Kurokawa weiß, in welchem Zustand er sich befindet, er weiß, welche Verpflichtung seiner Ehefrau ihm gegenüber aus Tradition und Obrigkeitsgehorsam auferlegt wird und er weiß, wie er beide Umstände zur Durchsetzung seines Willens ausnutzen kann. „Caterpillar“ zeigt in ungewohnter Deutlichkeit die destruktiven Mechanismen sozialer und staatlicher Machtstrukturen, welche bis in die intimsten Bereiche des Privatlebens vordringen. Kann Shigeko die sexuellen und physischen Forderungen ihres Mannes kaum mehr ertragen, erinnern sie propagandistische Radiodurchsagen, die Orden und der Zeitungsbericht über Kurokawas Heldentum mit sadistischer Hartnäckigkeit an ihre vermeintliche Pflicht. Indirekt rächt sie sich für das ihr aufgezwungenen Schicksal, indem sie sich in ihrer Rolle emanzipiert. Wie eine Trophäe fährt sie den „lebenden Kriegsgott“ in einem Handwagen herum und lässt sich als Vorbild für alle Soldatenfrauen loben. Seine Orden trägt sie schließlich selbst: Die Heimatfront ist die letzte Front, predigt das Radio und Shigeko ist des Kaisers tapferste Kriegerin.

Lallt sie schließlich halb irrsinnig vor sich hin, markiert die Szene nicht den Ausbruch des Wahns, sondern dessen Erkennen. Von Anfang an sind die Charaktere fanatisch: In blindem Gehorsam, in ihrer Überzeugung, in ihrer Systemtreue. „Kriege sind nur Spiele von Staaten, Regierungen und Machthabern.“, erklärt Wakamatsu vor den wenigen Besuchern der Pressekonferenz. Er reißt keine Sprüche wie Leonardo DiCaprio, er witzelt nicht wie Ben Stiller. Als ein Journalist ihn erinnert, dass es entgegen dem Prolog keinen „japanisch-chinesischen Krieg“, sondern einen Angriffskrieg Japans gab, entschuldigt Wakamatsu sich. Die Propagandanachrichten von einst bestehen im kollektiven Unterbewusstsein fort. Wakamatsu verheimlicht nicht, dass auch er noch dagegen ankämpft. Wie bitterernst es ihm mit diesem Kampf ist, beweist sein Film. Vom künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, überzeugt „Caterpillar“ nur bedingt. Wie bei Dalton Trumbos „Johnny got his gun“ ist das Anliegen politisch-soziologisch, nicht künstlerisch. „Wenn diese Botschaft ankommt, ist der Film geglückt.“, sagt Wakamatsu. Es ist ihm geglückt.

Lieutenant Kurokawa got his gun.

von Lida Bach



Shigeko Kurokawa: Shinobu Terajima
Lieutenant Kurokawa: Shima Ohnishi

Kenzo Kurokawa: Ken Yoshizawa
Tadashi Kurokawa: Keigo Kasuya

Regie: Koji Wakamatsu | Japan, 2010

Länge: 85 min | FSK: ab 16 | Buch: Hisako Kurosawa, Deru Deguchi | Kamera: Tomohiko Tsuji, Yoshihisa Toda | Musik: Sally Kubota, Yumi Okada | Schnitt: Shuichi Kakesu | Produktion: Koji Wakamatsu