Berlin: Hasenheide
Handlung
Wir waren mutig. Eine Viertelstunde sind wir durch die Grünanlagen geschlichen, über die nächtlichen Wiesen und entlang der dunklen Wege. Laternen gab es wenige. Manchmal funktionierten sie nicht. Das gehörte dazu. Wir haben viele Hasen gesehen und einige düstere Gestalten, von denen uns ein paar nachgerufen hatten. Nun schlich sich ein unangenehmes Gefühl in die Neugier. Zeit, umzukehren, solange es noch schön war. Die Berliner Hasenheide kann ein unheimliches Pflaster sein. Zumindest, wenn man selbst im Grundschulalter ist und sie nachts mit einer Freundin durchstreift. Bei Tag sieht sie anders aus. In sorgfältig beobachteten Szenen fängt Rebhan die Atmosphäre in „Berlin: Hasenheide“ ein. Mal sind die Szenen unscheinbar, mal kurios, in denen das besondere Flair des Parks auch für diejenigen spürbar wird, die noch nie einen Fuß dorthin gesetzt haben.
Meinung
Kurfürst Friedrich Wilhelm verlustierte sich hier auf der Jagd, Friedrich Jahn begründete mit der Anlegung des ersten Turnplatzes die deutsche Turnbewegung und hier fand das Duell statt, das Theodor Fontane zu seinem Roman „Effi Briest“ inspirierte. 1678 wurde der rund 50.000 Quadratmeter große Volkspark als Hasengehege angelegt. Heute grenzen hier die Stadtteile Kreuzberg und Neukölln aneinander. Beide gelten als Problembezirke. In ihrem kurzweiligen Dokumentarfilm will die in Berlin lebende Regisseurin Nana A. T. Rebahn mehr, als einmal mehr die skeptische Perspektive auf die Gegend „Berlin: Hasenheide“ zu lenken. Mit großer Aufgeschlossenheit widmet sie sich den gelegentlichen Besuchern und Dauer-gästen des Volksparks. Ihr von Sympathie getragener Blick zeigt die Grünanlage als Ort des Miteinander: Auf den Spielplätzen, Wiesen und Wegen begegnen sich unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Kulturen, Mensch und Tier und Mensch und Mensch und Natur. Mit großer Geste streiten sich Fußballteams um Tore. Die beiden gegensätzlichen Hundebesitzerinnen hingegen unterhalten sich einvernehmlich. Auf dem Rasen sonnen sich nackte Schwule. Eine verschleierte Muslimin stört sich daran nicht, sie ist konzentriert auf ihre Sportübungen.
Worte braucht die liebevolle Reportage nicht. Originell und unaufgeregt sprechen die Szenen ihre eigene Sprache, ein lebhaftes Gemisch unterschiedlicher Sprachen, begleitet von der Musik der Straßenkünstler. Ein anderer Künstler malt seine Bilder an die Wände der Hasenschenke, wo die Parkgäste pausieren und palavern. Der ideale Vorführort für Rebhans Dokumentation „Berlin: Hasenheide“ ist gleich um die Ecke: das Freiluftkino Hasenheide. Die historischen Wurzeln des Parks sind nicht abgestorben, sondern haben ungewöhnliche Blüten getragen. Doch es gibt auch eine andere Facette des Parks, die der Film nur zaghaft und ungern andeutet. Die Hasenheide ist ein Hauptumschlagplatz der Drogenszene, davon zeugen die zahlreichen Dealer und weggeworfenen Spritzen. Pöbeleien, Belästigungen, weniger harmlose Konflikte, als die, welche man auf der Leinwand sieht. Die Hasenheide kann ein unheimliches Pflaster sein, auch heute noch. Die Reportage will davon kaum etwas wissen. Zeit, umzukehren, solange es noch schön ist.
Die Sonnenseiten eines Parks.
Regie: Nana A. T. Rebhan | Deutschland, 2010
Länge: 72 min | FSK: ab 6 | Buch: Nana A. T. Rebhan | Kamera: Nana A.T. Rebhan | Schnitt: Justyna Hayda | Produktion: Nana A. T. Rebhan, Alfred Exner

