Berlin – Die Sinfonie der Großstadt
Handlung
In schwindelerregender Geschwindigkeit geht die Fahrt nach Berlin. Der Zug, seit jeher ein beliebtes Motiv des Stummfilms und Symbol einer neuen Zeit, führt uns unserem Ziel entgegen. Technikbegeisterung und die „Schönheit der Geschwindigkeit“: zwei Schlagworte einer Epoche. Noch sind die Straßen leer; die Uhr schlägt fünf. Gespenstisch stehen die Schaufensterpuppen hinter Glas und erwarten die ersten Passanten. Die frisch beklebten Litfaßsäulen tragen dem wachsenden Informationsbedürfnis der Bevölkerung Rechnung. In ihren neuen Verlagsgebäuden residieren die Zeitungsmacher wie Könige. Am Alexanderplatz beginnt das Leben. Der U-Bahn-Schacht spuckt Menschen aus; ein Landwirt treibt eine Horde Kühe in den Stall. Nun rauchen sie, die Schornsteine, die Maschinen laufen an. Schicht! Wie von Geisterhand heben sich die Rollläden der Geschäfte und geben den Blick frei auf die Errungenschaften der neu gewonnenen wirtschaftlichen Stabilität. Alles bewegt sich, alles fließt, der Paternoster rastet nicht, die Züge fahren unentwegt. Kämpfende Hunde und kreischende Affen, dazwischen Schuhputzer und Telefonistinnen: schöne neue Dienstleistungsgesellschaft. An der Straßenecke schwingt einer politische Reden, Leute hetzen vorbei mit starrem Blick, nehmen keine Notiz. Die Welt steht einem offen, Paris, Milano, doch wer hat schon Zeit dafür? Jetzt soll gegessen werden, dann geht die Schicht weiter. Lasst die Kinder in den Seitenstraßen spielen, einige gehen baden. Doch irgendwann ist es Abend und die Can-Can-Tänzerinnen schwingen im grellen Schein der Neonreklamen das Bein. Schon landet der Boxer am Boden und wird ausgezählt. Schon fällt der Vorhang. Man schüttet sich Bier in den Hals und ist vergnügt – zuletzt ein Feuerwerk. Der Tag ist zu Ende.
Meinung
Neben „Menschen am Sonntag“ ist „Die Sinfonie der Großstadt“ einer jener Filme, die das Lebensgefühl des Berlins der Weimarer Jahre am Treffendsten einzufangen scheinen. Es sind die „Roaring Twenties“, Deutschland tanzt Charleston und erholt sich vom Trauma des Ersten Weltkriegs. Berlin boomt und ist für einen kurzen Moment der Nabel Europas. So jedenfalls wollen es zahlreiche Darstellungen dieser Epoche in Film, Literatur und bildender Kunst. Walther Ruttmann, der mit seiner Sinfonie einen der ersten deutschen Dokumentarfilme vorlegte, gelingt es, das Tempo und den Rhythmus, die Hektik und die Dynamik, den Zeitgeist und die Atmosphäre dieser pulsierenden Stadt in wirkungsvolle Bilder und schnelle Schnitte umzusetzen. Auf diese Weise schuf er einen Film, der ohne Dialoge und ohne eine klassische Handlung auskommt und dennoch niemals langweilt.
Mit „Berlin Alexanderplatz“, dem großen Epochenroman Alfred Döblins, verbindet ihn die Technik der Montage. Ähnlich wie der Autor bzw. dessen Figur Franz Biberkopf hetzt auch Ruttmanns Kamera durch die Straßen, greift hier und dort Fetzen und Bruchstücke auf, lässt sich von Reizen überfluten und vom Sog der Großstadt verschlingen. Dabei wird das Alltägliche zum Ereignis. In beiden Fällen sind die Menschen oftmals nur Statisten; der eigentliche Protagonist ist Berlin mit seinen Straßenzügen und Hinterhöfen, seinen Bussen und Bahnen, seinen Maschinen und Schloten. Dass Ruttmann und Döblin sich in diesem Punkt so ähnlich sind, lässt erahnen, dass Berlin zur damaligen Zeit eine Anziehungskraft zu entfalten schien, der sich verschiedene Menschen unabhängig voneinander nicht entziehen konnten. Diese Faszination blieb nicht auf die deutsche Hauptstadt beschränkt; man denke nur an andere Großstadtepen wie John Dos Passos’ Roman „Manhattan Transfer“ von 1925 oder Fritz Langs „Metropolis“, ein weiter Klassiker aus dem Jahr 1927.
Ältere Filme sind unter anderem deshalb interessant, weil sie als Fenster in eine andere Zeit fungieren können. Auf „Die Sinfonie der Großstadt“ trifft dies in besonderer Weise zu, da es sich um ein – halbwegs – authentisches Dokument handelt, das Szenen zeigt, die nicht im Studio mit professionellen Schauspielern und nach Drehbuch entstanden, sondern in ihrer alltäglichen Banalität höchstens mit den One Shots der Jahrhundertwende zu vergleichen sind. Ein ähnlich beeindruckender Film gelang Dsiga Wertow zwei Jahre später; sein „Mann mit der Kamera“ erinnert streckenweise sehr an Ruttmann.
2002 entstand unter dem Titel „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ eine Art Fortsetzung der 1927er Sinfonie. Der bestimmte Artikel ist einem unbestimmten gewichen. Berlin ist nicht mehr der Nabel Europas, sondern im Zeitalter der Globalisierung nur eine Großstadt unter vielen. Ob die Zwanziger in Berlin wirklich so wild oder so golden waren, wie bisweilen vermutet wird, erscheint fraglich. Vermutlich ist dieses Bild auch ein Resultat vieler verklärender und beschönigender Filme. Ruttmann reiht sich zwar in diesen Kanon ein, zeigt aber auch die Schattenseiten einer Republik, die durch den Versailler Vertrag, Straßen-kämpfe, politische Morde und Inflation zutiefst verunsichert war und schon bald nicht mehr existieren sollte.
Ein Teil deutscher (Dokumentar-)Filmgeschichte.
Regie: Walther Ruttmann | Deutschland, 1927
Länge: 65 min | FSK: o.A. | Buch: Karl Freund, Carl Mayer, Walther Ruttmann | Kamera: Robert Baberske, Reimar Kuntze, Karl Freund, László Schäffer | Szenenbild: Erich Kettelhut | Schnitt: Edmund Meisel | Musik: Walther Ruttmann

