Bergfest


Handlung

Spuren im Schnee. Als Hannes mit seiner Freundin Ann auf dem Weg zu der einsamen Berghütte seiner Eltern die Fußstapfen sieht, will er sofort umkehren. Nur sein entfremdeter Vater kann auf der Hütte sein. Um keinen Preis will der junge Mann ihn wiedersehen, der den auftsrebenden Theaterschauspieler Hannes als Kind quälte und von dem die Mutter seit langem getrennt lebt. In der Hoffnung auf eine Aussöhnung zwischen Vater und Sohn überredet Ann ihren Verlobten dennoch zu einem Besuch. Hans-Gert, seinerseits ein Querulant an der Theaterbühne, gibt sich überrascht, Hannes und Ann auf dem Berg zu treffen. Mit seiner weit jüngeren Freundin Lavinia lädt er das Paar zum Bleiben ein. In der Enge der Hütte müssen sich Vater und Sohn verdrängten Aggressionen und nie bereinigten Konflikten stellen. Das „Bergfest“ wird zur bösen Feier subtiler Grausamkeiten.

Meinung

Kammerspielartig konzentriert sich „Bergfest“ ganz auf die mit verstörender Präzision gezeichneten Charakterporträts. In seinem minutiös inszenierten Psychodrama beweist Regisseur und Drehbuchautor Florian Eichinger aufs eindringlichste sein Geschick darin, mit minimalen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen. Ohne öffentliche Fördergelder entstand „Bergfest“ in nur zehn Tagen mit lediglich 50.000 Euro Budget. „Verletzungen. Gleichgültigkeit. Das Übliche.“, beschreibt Hannes gegenüber Ann seine traumatischen Kindheitserlebnisse. Was genau sich ereignet hat, lässt „Bergfest“ bewusst im Dunkeln, einzig Hannes Angst, die väterlichen Aggressionen könnten in ihm weiterbestehen, kündet vom Ausmaß des Erlittenen. Die emotionale Kälte des Vaters lässt Eichinger in seinem beklemmenden Kinodebüt tauen, nur um darunter das erschreckende Ausmaß von dessen Perfidie aufzuzeigen. Peter Kurth führt das glänzende Ensemble mit seiner Darstellung des narzisstischen Egozentrikers, der zwischen Heimtücke und Vulgarität wechselt. Das ändere sich nicht mehr, sagt Hans-Gert über das Gebirge. Vulkane hingegen hätten etwas Lebendiges. Vielleicht seien es Vulkane, nur noch nie ausgebrochen, bemerkt Hannes. Unter der Kälte brennenden Hass kennt er nur zu gut.

Umso später der Abend, umso böser die Spiele. Eines davon ist ein improvisiertes Kasperle-theater, das Lavinia vorschlägt. In einer pervertierten Form des in der Tiefenpsychologie angewandten Drama-Dreiecks stehen sich Vater und Sohn als Widersacher gegenüber, als Teufel und Kasper geschminkt von Lavinia, die als verführerische Dirne auftritt. Die realen Berufsfunktionen von Vater und Sohn als Schauspieler und Regisseur verweisen zusätzlich auf die väterliche Macht über Hannes. Das Maskentheater wird zum Grand Guignol seelischer Grausamkeiten. Einzig Ann lässt sich nicht in die ihr zugeteilte Rolle der hilflosen Prinzessin zwängen. Psychisch besitzt die durch eine leichte Behinderung in ihrer Bewegungsfreiheit Eingeschränkte die größte Wendigkeit. Der unterschwellig ausgetragene Krieg kündigt sich schon in den vielschichtigen Dialogen an, wenn Lavinia bei einen Kartentrick die Spielfarben vertauscht: „Was dahinter steckt, ist ganz simpel, aber man kommt nicht drauf, weil man immer falsch denkt.“ Doch nicht nur Hans-Gert, auch sein Sohn hat noch ein Ass im Ärmel.


In einem Zwiegespräch, durch seine unentrinnbare Intensität und schauspielerische Brillanz das Herzstück des Dramas, konfrontiert er den Vater mit dem vollen Ausmaß von dessen Verlogenheit, Feigheit und Härte. „Ich bin in der Welt ein unheiliger Gast.“, muss dieser bekennen. Ein Geständnis, was ihn schließlich seiner Großtuerei beraubt und in der Rolle eines Geduldeten entmachtet.


Ein Weg öffnet sich nach dem quälenden „Bergfest“ für die jungen Menschen, doch er liegt im Zwielicht: „Wenn das ein Spiel ist, wer hat dann gewonnen und wer hat verloren?“, fragt Hannes und beruft sich indirekt auf einen Ausspruch des Vaters: „Triumph und Scheitern. Beides liegt nah beieinander.“ Nicht so auf der Leinwand. Hier ist Eichingers „Bergfest“ ein künstlerischer Triumph.

Grausamer Tanz der auf dem Vulkan.

von Lida Bach



Hannes: Martin Schleiß
Ann: Anna Brüggemann

Hans-Gert: Peter Kurth
Lavinia: Rosalie Thomas

Regie: Florian Eichinger | Deutschland, 2008

Länge: 89 min | FSK: ab 12 | Buch: Florian Eichinger | Kamera: André Lex | Szenenbild: Daniel Vernunft | Musik: Daniel Vernunft, Ivan Wyszogrod | Schnitt: Jan Gerold | Produktion: Florian Eichinger, Cord Lappe