Banksy - Exit through the Gift Shop


Handlung

Sie kommen bei Nacht. Sie arbeiten im Dunkeln, ihre Mission ist Kunst, ihre Feinde sind zahlreich: die Polizei, das Ordnungsamt und diese besondere Sorte Bürger, die den Kampfschrei „Ihr Vandalen!“ lieben. „Wegrennen ist für mich ein wichtiger Teil meiner Arbeit.“, sagt Banksy. Seinen bürgerlichen Namen und sein Aussehen hält der englische Underground-Künstler geheim. Banksy ist ein Vorreiter der Street Art. Die künstlerische Veränderung des öffentlichen Raums ist die Mission der Street Artists. Mit Postern, Schablonen, Spraydosen und Plaketten schlagen sie zu. Illegal, blitzschnell und heimlich: Einer hat sie doch erwischt. Der Thierry, der seit seiner Jugend alles mit der Kamera festhält. Street Art faszinierte ihn. Mit den Künstlern Banksy und Shepard Fairey, den sein legendäres Barack-Obama-Poster berühmt machte, war Thierry befreundet. Bis er beschloss, selbst Underground-Künstler zu werden. Der Größte von allen.

Meinung

Das erste Interview entstand laut Untertitel in „Banksy's Home“. Ein Typ, dessen Gesicht unter einer Sweatshirtkapuze verborgen ist, spricht mit künstlich verzerrter Stimme. In seiner Privatsphäre zeigt sich der Künstler nicht, es sei denn, man geht davon aus, dass Banksy in einem alten Eiscremewagen lebt, auf dessen riesiger aufgeschraubter Plastikeistüte „Superwhip“ steht. „Exit through the Gift Shop“ sei kein Film über ihn, sondern einen Typen, der versucht einen Film über ihn zu machen, erklärte Banksy vorab. Banksy bleibt im doppelten Sinne im Dunkeln, doch seine wenigen Sätze durchleuchten die kommerziellen Mechanismen der Kunst-Szene mit enthüllendem Scharfblick. Manche Leute dächten, dieser Film sei eine Scharade, sagt Banksy in der Videoaufnahme, in der er vor Filmbeginn zu den Kritikern spricht. Doch „Exit through the Gift Shop“ erzählt von einer Scharade, der undefinierbaren Grenze zwischen Highbrow und Lowbrow. Kompiliert aus den Videoaufnahmen des exaltierten französischen Ladenbesitzers Thierry, der heute als Künstler „Mr. Brainwash“ auftritt. Die erste Hälfte des aus Thierrys Archivmaterial zusammengefügten, durch Interviews ergänzten Dokumentarfilms zeigt die Street-Art-Szene in verwackelten Guerilla-Aufnahmen. Ihre Authentizität vermittelt den verbotenen Reiz und die politisch-agitatorische Kraft der noch missachteten Kunstform.

Die zweite Hälfte verfolgt Thierrys Aufstieg, nicht zum Künstler, sondern zu jemanden, der als solcher gehandelt wird – für Unsummen. Seine Werke gleichen einem schlechten Abklatsch der Kunst seiner ehemaligen Freunde. Doch kann man jemandem böse sein, dessen brüchiges Englisch Sätze von skurriler Originalität erzeugt: „Wie ich immer sagen: Ich kann kein Schach. Aber das Leben ist wie ein Schachspiel.“ Oder der am Eingang von Disneyland fragt, ob Micky Maus heute da ist? Thierrys Kunden zahlen freiwillig für ein Poster Zehntausende. Die zwei Mädchen vorne in der Schlange vor Thierrys erster Ausstellung haben von der Schau in der „L.A. Weekly“ gelesen. Der Jugendliche weiter hinten vermutet „Pop Art und Street Art“. Noch weiter hinten wartet man auf „irgendwas Spannendes“. Die Letzten in der Reihe denken vermutlich, vorne gibt es Muffins umsonst oder ein Gratis-T-Shirt. Wenn so viele Leute dafür zahlen, ist es Kunst, oder? Für die ersten 200 Besucher gibt es einen Gratis-Siebdruck. Kein Scherz. „Exit through the Gift Shop“ zeigt, wie Thierry die 200 Drucke mit Farbspritzern zu Unikaten macht. Banksy berichtet von einer Kunstaktion, für die er Geldnoten mit dem Porträt von Lady Di statt dem der Queen druckte. Keiner erkannte das groteske Falschgeld als solches. „Wir haben eine Millionen Pfund gefälscht.“, seufzt Banksy. „Versehentlich.“ Kunst mag eine Waffe sein, doch Ignoranz ist eine mächtigere. Mit Thierrys Worten: „Es wird sich zeigen, ob ich ein Hase oder eine Schildkröte bin.“

Ist die Kunst von Mr. Brainwash und den Anderen, welche auf seinen Pfaden wandeln, so subversiv, dass es keiner erkennt? „Thierry hat nach den Regeln gespielt.“, sagt Banksy. „Doch es gibt keine Regeln.“ Steht das Konzept über der Originalität, wird Kunst zu Kunsthandwerk. Darin liegt der Unterschied zwischen dem röhrenden Elch über Omas Sofa und einem Basquiat. Banksy: „Andy Warhol hat Ikonen so lange kopiert, bis sie bedeutungslos erschienen. Thierry macht sie wirklich bedeutungslos.“ Anthropologisch und soziologisch ist es immerhin interessant zu beobachten, tröstet Shepard Fairey, „Exit through the Gift Shop“ beweist es.


Man kennt doch diese typischen Filmprologe, die am Ende unter Standbildern der Protagonisten stehen und verraten, wie es mit ihnen weiterging, nachdem die Kamera abgeschaltet wurde: Der supercoole Mr. Brainwash hat das Cover von Madonnas neuer CD entworfen und dieses Cover sieht man in Großaufnahme. Banksy wird nie wieder an einen Dokumentarfilm mitarbeiten. Und er behält die Kapuze auf: Catch me if you can, I'm the spray can man.


Kunst, daran lässt „Exit through the Gift Shop“ keinen Zweifel, bedeutet Künstlern alles - wahren Künstlern wie Banksy, Miss Van, Swoon und Shepard Fairy. Die Nacht gehört ihnen.

The writings on the wall.

von Lida Bach



Regie: Banksy | USA, 2009

Länge: 87 min | FSK: ab 6 | Sprecher: Rhys Ifans | Musik: Geoff Barrow, Roni Size | Schnitt: Chris King, Tom Fulford | Produktion: Jaimie D´Cruz