Baaria


Handlung

Weder Krieg noch Armut können die Lebenslust Peppinos, der in den Dreißigern in dem sizilianischen Städtchen „Baaria“ aufwächst, trüben. Er kämpft für seine Liebe zu Mannina, deren Eltern ihre Heirat ablehnen und geht auch politisch seinen eigenen Weg. Als Kommunist macht er sich nicht nur Freunde unter den Mächtigen Baarias. Über die Jahrzehnte erlebt die Familie Freude und Leid in ihrem von politischen und sozialen Veränderungen bewegten Heimatort. Doch Peppino bleibt sich und seinen Idealen treu, die er auch seinen Kindern vermitteln will.

Meinung

Schönes und Schlechtes von „Baaria“ führt Giuseppe Tornatore in der ersten Sequenz seines filmischen Epos zusammen. Auf einem Botengang läuft Peppino durch den titelgebenden Ort. Vorbei an malerischen Häusern und ihn anfeuernden Einwohnern, bis er in einer ins Fantastische überhöhten Einstellung zu fliegen beginnt. Wie sein Hauptcharakter hat der für sein Drama „Cinema Paradiso“ mit dem Oscar ausgezeichnete Regisseur Giuseppe Tornatore bei der Inszenierung von „Baaria“ die Bodenhaftung verloren. Vor großartiger Kulisse mit hochkarätigen Darstellern erzählt „Baaria“ ein Generationen übergreifendes Familienepos, welches weder berührt noch verweilt. Mit bombastischen Aufwand inszeniert Tornatore hübsch anzusehendes Unterhaltungskino, das sich ob seiner dramaturgischen Ungleichmäßigkeit in kein Genre fügen will. Für eine Komödie fehlt es „Baaria“ an Humor, für ein Drama an Dramatik. Zwar ist der Handlungsrahmen historisch, doch die sizilianische Geschichte handelt Tornatore als lästige Randerscheinung ab, die im günstigsten Fall Anlass zu kuriosen Szenen gibt. Dass den Kindern in der Schule ihr Regionaldialekt systematisch abgewöhnt wird, wird so beiläufig erwähnt wie das Loblied auf Mussolini, das die Klasse singen muss. In der Ecke stehen zu müssen, ist für Peppino traumatischer als die faschistische Doktrin. Ein linientreuer Faschist erscheint als harmloser Griesgram, den die Anderen mit Spottlieder auf den „Duce“ ärgern. Selbst die Verhaftung eines Sängers, der ein solches Lied im Ortstheater vorträgt, findet Tornatore komisch. „Ins Gefängnis“ wird der Tenor getragen. Ob die possierlichen Nazis dort mit ihm weiter singen oder man im Italien unter Mussolini doch weniger nachsichtig war, bleibt unklar. Fallen ein paar Fliegerbomben auf „Baaria“ rückt man im Luftschutzkeller gemütlich zusammen. Zur Entschädigung darf anschließend Nazigeld geplündert werden.

Die politischen Motivationen der Charaktere werden ebenso oberflächlich abgehandelt wie deren Gefühle. Verliebt, verfeindet, Republikaner oder Kommunist, ist man in „Baaria“ nur nebenbei. Der Tod eines Kindes ist nicht weiter tragisch, der des Vaters noch weniger und wird ein Kind bei einem Unfall verstümmelt, hüpft es nachher munter auf einem Bein weiter. Dass Peppino glücklich zu seiner Mannina findet, machen die schematischen inszenatorischen Hinweise von ihrem ersten Auftritt an absehbar. Im wie aus der Pizza-Werbung anmutenden rustikalen Heim lebt das Paar konfliktfrei, ob vereint oder durch Peppinos Geschäftsreisen getrennt. Während ihr Mann sich beruflich verwirklicht, geht Mannina in der Rolle der Hausfrau und Bruthenne auf. Weil Kinder nicht immer ein Segen sind, schlägt Peppino seine Tochter so brutal ins Gesicht, dass sie einen Ohrring verliert. Nicht das letzte Mal, wie eine spätere Szene verrät, doch familiäre Gewalt betrachtet „Baaria“ nur als eine der kauzigen landestypischen Eigenschaften. Das Gefühl emotionaler Gleichgültigkeit und Redundanz wird durch die enervierende Überdeutlichkeit der Dialoge verstärkt, welche die Figuren das Offensichtliche aussprechen lassen. Szenisches Deutungsvermögen traut Tornatore seinem Publikum scheinbar nicht zu, Satzverständnis auch nicht. Auf die Frage seines Sohne, was 'Geh an einen besseren Ort' bedeute, antwortet der erwachsene Peppino, es bedeute 'Mögest du an einen besseren Ort gehen'. Wieder was gelernt. Über Larmoyanz und mangelnde Dramatik können weder die in flachen Rollen gefangenen Darsteller noch die aufwendigen Szenenbilder hinwegtrösten. „Kino ist etwas Wunderbares.“, sagt Peppino einmal und ergänzt: „Der Film dauert nur zehn Minuten.“ Länger lohnt auch das Ansehen von „Baaria“ nicht.

Der Clan des Sizilianers.

von Lida Bach



Peppino: Giovanni Gambino
Erwachsener Peppino: Francesco Scianna

Mannina: Margareth Madè
Sarina: Angela Molina

Regie: Giuseppe Tornatore | Italien, 2009

Länge: 150 min | FSK: ab 6 | Buch: Giuseppe Tornatore | Kamera: Enrico Lucidi | Szenenbild: Maurizio Sabatini | Musik: Ennio Morricone | Schnitt: Massimo Quaglia | Produktion: Mario Cotone