Ayla
Handlung
Nachts zieht Ayla in aufreizender Kleidung los, um in einem Club zu arbeiten. Tagsüber jobbt sie als Kindergärtnerin. Sie lebt allein, kann Karate und lässt sich von niemandem Vorschriften machen. Kein ungewöhnliches Leben für eine junge Frau, doch Ayla hat ihre Unabhängigkeit einen hohen Preis gekostet. Der konservative Vater der jungen Deutsch-Türkin hat sie verstoßen. Nur zu ihrer nach den Wertvorstellungen der Familie lebenden Schwester Hülya hat sie Kontakt. Als Hatice, deren Tochter Aylas Kindergarten besucht, sich vor ihren Verwandten verstecken muss, nimmt Ayla sie bei sich auf. Nichteinmal ihrem neuen Freund Ayhan erzählt sie von der jungen Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann eine Gewalttat von ihren Brüdern fürchtet.
Ayla ahnt nicht, dass Hatice und Ayhan etwas verbindet. Sie muss sich entscheiden, wem sie treu bleiben will: ihrem Geliebten oder sich selbst.
Meinung
Eine brennend aktuelle Thematik, die überzeugende Pegah Ferydoni als Hauptdarstellerin, das vernachlässigte Milieu junger türkischstämmiger Deutscher als Handlungsrahmen: So engagiert sich Su Turhans Drama gibt, so wenig wird es seiner anspruchsvollen Ausgangskonstellation gerecht. Mit der sensiblen Thematik der sogenannten „Ehrenmorde“ geht „Ayla“ so zaghaft um, dass die Dramatik auf der Strecke bleibt. Die Einstellung des Dramas ähnelt der von Aylas Arbeitskollegin Iris. Die lediglich zur komischen Auflockerung der Handlung angelegte Figur ist neben der Hauptfigur die einzig authentische. Herzlich und aufgeschlossen ist sie so von der eigenen Liberalität überzeugt, dass sie ihre Vorurteile nicht erkennt. „Krass drauf“ seien türkische Männer, behauptet Iris. Für diejenigen auf der Leinwand trifft das zu. Türkische Väter stiften ihre Söhne zu Morden an und unterdrücken ihre Töchter. Ayhan will seine Schwester Hatice ermorden, weil sie die Familienehre verletzt habe. Zwar zögert er, doch in der Familie liegt das nicht, wie Ayla erfahren muss: „Ich bin nicht Ayhan. Ich bin Mehmet.“ Und Mehmet meint es toternst mit der Waffe, die er besorgt hat. Ängstlich drückt sich die Handlung um eine differenzierte Dramatisierung der Problematik herum. Die Elterngeneration der Hauptfiguren tritt nur in Gestalt von im praktischen Sinne wortlosen Randfiguren auf. Aus fehlgeleitetem Ehrgefühl gegenüber der Familie soll Hatice sterben, doch jene Familiengemeinschaft bleibt ein undurchsichtiges Konstrukt, verkörpert durch den aggressiven Bruder Mehmet.
„Ich will nur mit ihr reden.“, rechtfertigt Ayhan das Verfolgen Hatices. Dass er dafür eine Waffe bei sich trägt, legt nahe, dass er mehr vor hat. Nimmt er die Pistole anfangs, um seinem Bruder zu suggerieren, er wolle die Schwester töten, und entschließt sich erst in letzter Sekunde tatsächlich zu der Tat? Will er mit der Beschwichtigung Andere über sein Vorhaben täuschen oder kann er sich den längst gefassten Plan nicht eingestehen? Mit dem potentiellen Mörder Ayhan lässt der Regisseur ausgerechnet die interessanteste Figur außen vor. Turhan nimmt sich gerade genug Zeit, zu etablieren, dass Ayhan mit der Ausführung des Verbrechens zögert. Ob er nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet, ob ihn Zweifel quälen und wenn ja, welcher Art diese sind, bleibt unklar. Fürchtet er strafrechtliche Konsequenzen oder plagt ihn sein Gewissen?
Bis zuletzt erfährt man nicht, ob er den Mord aus Liebe zu Ayla oder seiner Schwester unterlässt. Das abrupte Ende wirkt ebenso willkürlich wie unbefriedigend. Falls Ayhan sein Vorhaben nicht als falsch erkannt hat, birgt sein Verhindern des Mordes einen neuen Konflikt. Gleich Hatice müsste er nun ausgestoßen sein. Wie er damit umgeht, ob er sein Handeln später eventuell bereut oder sich als Schwächling empfindet, weil das nach seinem Empfinden Erforderliche nicht tun konnte, wird nicht ergründet.
Durch seine unbefriedigende Verarbeitung des Stoffs wird „Ayla“ auf unvorteilhafte Weise seinem Titel gerecht. In erster Linie ist Su Turhans Drama das Porträt einer selbstbewussten jungen Türkin, das über solides TV-Niveau nicht hinausreicht – wenn auch ARD statt RTL2.
Im Namen der Ehre.
Ayla: Pegah Ferydoni
Hülya: Türkiz Talay
Hatice: Sesede Terziyan
Ayhan: Mehdi Moinzadeh
Mehmet: Timur Isik
Regie: Su Turhan | Deutschland, 2010
Länge: 85 min | FSK: ab 12 | Buch: Sur Turhan, Beatrice Dossi | Kamera: Florian Schilling | Szenenbild: Renate Schmaderer | Musik: Ali N. Askin | Schnitt: Horst Reiter | Produktion: Andreas Bareiss, Sven Burgemeister, Gloria Burkert, Andreas Schneppe

