Another Year
Handlung
„Für mich ist das Glas immer halbvoll.“, lächelt Mary. Meist ist es sogar voll bis zum Rand, wenn es ein Weinglas ist. Die gealterte, geschiedene Sekretärin ruiniert sich finanziell und betäubt ihre überanstrengten Nerven mit Alkohol. Ihre Arbeitskollegin Gerri und ihr Ehemann Tom betrachten den Alkoholkonsum ihrer Freundin nachsichtig. Das ältere Paar lebt zufrieden in Haus und Garten, mit dessen Ertrag Gerri die gemeinsamen Gäste bei den regelmäßigen Treffen bewirtet. Toms Jugendfreund Ken, der sich vor dem drohenden Herzinfarkt herschleppt, umwirbt Mary ungeschickt. Ihre Schwärmerei für Gerris und Toms Sohn Joe, der vom Alter Marys eigener sein könnte, belächeln Joe und seine Eltern nur. Joe wiederum hat selbst seine Jugend hinter sich, ohne eine Partnerin gefunden zu haben. „Es ist nie zu spät.“, versichert Mary ihm und sich bei jedem Treffen tapfer. Doch langsam ist sie sich darin nicht mehr sicher.
Meinung
"Das Leben kann hart sein.“, lässt Regisseur und Drehbuchautor Mike Leigh seine Protagonisten in einer Szene sagen. In Cannes war „Another Year“ einer der Glanzpunkte der eher schwachen Filmauswahl. Ein hochgelobter Beitrag, der keinen einzigen Preis gewann. Auf Festivals ist es wie überall im Leben: Wenige Auserwählte kriegen diese besondere Gabe aus Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuwendung. Andere gehen leer aus. Sie können es noch mehr versuchen, sie können resignieren und hinnehmen, dass sie aus dem Rennen sind, dass sie im Wettbewerb nur noch Beobachter sind, geduldet, aber nicht erwünscht. Oder weiter hoffen, dass es besser wird. Next time. Next year. Another year. So durchleben es die Charaktere in zurückhaltenden, alltäglichen Szenen, unter deren Leichtigkeit leise Trauer und unerfüllte Sehnsucht liegen.
„Another Year“ ist eine Komödie, voll subtiler Komik und pointierter Dialoge. Es ist großes Schauspieldrama, herausragend besetzt bis in die letzte Rolle. Wenig bekannt und gealtert, sind die Akteure äußerlich unvollkommen wie ihre Figuren. Schmerzlich intim sind ihre Darstellungen, jede ein fein gezeichnetes Charakterporträt. Es ist eine Romanze, die zärtlich zwei Liebenden zusieht, wie sie gemeinsam ein Jahr altern. Das stille Glück, das Gerri und Tom erblüht, symbolisiert ihr Garten. Sie versorgen ihre Pflanzen, einander und ihre Freunde. Letzte sind weniger glücklich. Im Frühling schmieden sie Pläne, die sie im Sommer umzusetzen versuchen. Im Herbst verleugnen sie ihr Scheitern, noch schneit die Zukunft golden wie die Blätter. Nur Mary dämmert langsam, dass ihr Auto sie in ihrem verfahrenen Leben nicht weiter bringt. Im Winter zieht plötzlich Kälte in die Landschaft und die Seele. Toms verwitweter Bruder Ronnie scheint die Trauer mit sich zu tragen. Die gesamte Szenerie hüllt sich in Grau. Aschfahl wie Ronnies Gesicht, hohläugig wie Mary, die plötzlich zitternd vor der Tür steht, auf der Flucht vor ihrer Einsamkeit.
Tatsächlich ist „Another Year“ eine Tragödie. Leighs eindringlichstes Werk seit „Raining Stones“ gehört einem sterbenden Genre an. Nur wer es sucht, erkennt, wie rar es im Kino geworden ist, vielleicht immer war. „Another Year“ ist eine Tragödie. Die Bilder sezieren eine Gruppe seelisch isolierter Menschen, denen die Gegenwart eines glücklichen Paares ihre Einsamkeit noch qualvoller bewusst macht. Menschen wie Gerri und Tom haben ein Heim, Menschen wie Mary nur eine Wohnung.
Heimeliges Licht wärmt die letzten Momente Leighs bitter-poetischen letzten Jahres - doch es endet mit einer schmerzvollen Kälte.
Frühling, Sommer, Herbst und Tot.
Mary: Lesley Manville
Tom: Jim Broadbent
Gerri: Ruth Sheen
Joe: Oliver Maltman
Ken: Peter Wright
Ronnie: David Bradley
Katie Karina Fernandez
Janet: Imelda Staunton
Regie: Mike Leigh | Großbritannien, 2010
Länge: 129 min | FSK: ab 6 | Buch: Mike Leigh | Kamera: Dick Pope | Musik: Gary Yershon | Schnitt: Jon Gregory | Produktion: Georgina Lowe

