Amelia
Handlung
„Keine Grenzen. Kein Horizont. Vollkommene Freiheit.“, beschreibt die Pilotin Amelia Earhart ihre Gefühle beim Fliegen. Als erste Frau überquerte die Flugpionierin in den dreißiger Jahren den Atlantik. In ihrem Engagement für die Anerkennung weiblicher Piloten und ihrer Unkonventionalität ist die von der Presse nach Charles Lindbergh „Lady Lindy“ getaufte Amelia so wagemutig wie bei ihren fliegerischen Exkursionen. Ihr Temperament fasziniert den Verleger George P. Putnam - genauso wie das Vermarktungsgeschäft, welches er sich mit der gefeierten Fliegerin erhofft. Nach ihrer Hochzeit macht George Amelia zum Mittelpunkt einer Werbemaschinerie, welche ihre Fliegerei finanziert und seinen Wohlstand mehrt.
Ihre Leidenschaft treibt die Pilotin zu neuen riskanten fliegerischen und amourösen Manövern. Sie beginnt eine Affäre mit dem eleganten Gene Vidal und plant eine erneute Atlantiküberquerung. Obwohl sie die Gefahren kennt, bricht Amelia zu einem erneuten transatlantischen Flug auf. Es wird ihr letzter sein.
Meinung
Man begegnet der Hauptfigur zuerst am Steuer eines Flugzeugs. Wo sonst, handelt Mira Nairs Filmbiografie doch von der berühmten Flugpionierin Amelia Earhart und ersten Frau, die den Atlantik überquerte. Jener Flug sollte ihr letzter sein. Nicht nur in der Lebensgeschichte der Hauptfigur, deren Maschine kurz darauf verschollen ist, sondern für eine lange Strecke der Filmhandlung. Die geht zurück zu früheren Tagen in Amelia Earharts Leben. Das beginnt, wie in so vielen Filmbiografien weiblicher Figuren, mit der Begegnung mit einem Mann: George P. Putnam. Als Amelias zukünftiger Ehemann und beflissener Verleger wächst Richard Gere von der historischen Randgestalt zur zweiten Hauptfigur des Dramas. Seine Aufgabe ist es, die PR-Maschinerie um Amelia am Laufen zu halten – vor und hinter der Kamera. Dafür, erklärt Putnam Amelia bei ihrer ersten Begegnung, brauche man eine außergewöhnliche Aktion wie jenen Atlantikflug und eine Frau, möglichst attraktiv. Letztes ist Amelia, die auf ihrem ersten Atlantikflug nur als Passagierin an Bord sein durfte, um Schlagzeilen zu garantieren. Obwohl sich die Pilotin auf späteren Flügen selbst ans Steuer setzte, ist sie nur ein Rädchen im Getriebe der Werbemaschinerie, die ihr Mann lenkt. Ohne Einnahmen keine Höhenflüge, historisch oder filmisch. Zwar überragt Hilary Swank Richard Gere schauspielerisch, jedoch ist er der größere Kassenmagnet. „Amelia & George“ wäre passender als Titel für das romantisierende Biopic gewesen.
Das feministische Engagement der realen Earhart inspirierte das Drehbuch anscheinend kaum, auch nicht indirekt: Regisseurin Nair und ihre unterforderte Hauptdarstellerin beschränken sich auf die amourösen Erlebnisse Amelias. Glaubt man der Filmbiografie, schwebte „Amelia“ dank Männern statt Flugzeugen im siebten Himmel. Als Georges Konkurrent ist Gene Vidal dabei so fade, dass er durch seinen Sohn interessant geredet werden muss („Gore - das ist aber ein seltsamer Name.“). Selbst wer historische Liebesgeschichten schätzt, wird so von der spannungslosen Romanze enttäuscht sein. Woher Amelias Leidenschaft zum Fliegen kommt, ergründet Nair nicht. Ein paar mal lässt sie ihre Heldin von Freiheit sprechen. Dass die über den Wolken grenzenlos sein soll, ist nichts Neues. Klagt Amelia in einer Szene, die Presse interessiere sich ebenso für ihr Aussehen wie ihre Leistungen, lässt die Regisseurin dennoch gleich zwei Charaktere sagen, Amelia sei „viel schöner als auf den Fotos“ und unterstreicht so die scheinbar kritisierte Überbewertung von Amelias Äußerem. Die Abenteurerin, die zeitlebens aus dem konservativen Rollenschema auszubrechen versuchte, wird in der Filmbiografie umso energischer hinein gezwungen. Ihr fürsorgliches Verhältnis zu Gore („Vidal“) soll andeuten, dass die kinderlose Amelia doch eine mütterliche Seite hat und zudem eine Schwiegertochter abgegeben hätte, die selbst Eleanor Roosevelt ins Herz geschlossen hätte. Abenteuerlich sind bestenfalls die Dialoge: „Hallo Schafe!“, ruft die Hauptfigur nach ihrer Landung auf einer irischen Wiese. Wer weiß, ob die Filmemacher nicht das Publikum meinten, das rätselt, woher Minuten später das Fernsehteam auf jene irische Landwiese kommt, wenn Amelias vorgesehener Landungsort Paris war.
Der Alkoholismus von Amelias Vater wird in einem Satz abgehandelt. Dass sie bei den Großeltern aufwuchs, Medizin studierte, ihr Studium abbrach, in über zwei Dutzend verschiedenen Anstellungen arbeitete, um ihre Flugstunden zu finanzieren und den Höhenweltrekord für Frauen aufstellte, erfährt man nicht. „Du bist das Mädchen aus Kansas, das 'Kokolores' sagt.“, sagt Gene Vidal der Hauptfigur in einer verräterischen Szene. Diesem denkbar unpassend erscheinenden Porträt, welches „Amelia“ von der Hauptfigur entwirft, entkommt die Pilotin auch nicht mit dem Flugzeug. Das gelang nicht einmal dem anderen Mädchen aus Kansas mit den Rubinschuhen.
Antriebsloses Biopic über romantische Höhenflüge.
Amelia Earhart: Hilary Swank
George P. Putnam: Richard Gere
Gene Vidal: Ewan McGregor
Fred Noonan: Christopher Eccelsto
Elinor Smith: Mia Wasikowska
Regie: Mira Nair | USA, 2009
Länge: 111 min | FSK: ab 6 | Buch: Ronald Bass, Anna Hamilton Phelan | Kamera: Stuart Dryburgh | Musik: Gabriel Yared | Schnitt: Allyson C. Johnson | Produktion: Ronald Bass, Hilary Swank, Ted Waitt, Kevin Hyman, Lydia Dean Pilcher

