Alice im Wunderland
Handlung
Die damals zuckersüße Alice ist mittlerweile eine 19- jährige Frau, sie kann sich an ihre vergangenen Erlebnisse im „Wunderland“ nicht mehr erinnern. Die einzige geistige Retrospektive, die sie an die Geschehnisse hat, sind immer wiederkehrende Träume. In ihrem tatsächlichen Leben lebt sie in adeliger Gesellschaft, zudem steht sie, generiert durch ihre ehrgeizige Mutter, kurz vor der Verlobung mit einem schwülstigen Lord. Doch die Fügung des Schicksals hält Größeres für sie bereit. Tänzelnd folgt sie dem legendären weißen Kaninchen von ihrer Verlobungsfeier und fällt in ein Erdloch. Frisch geschrumpft findet sie sich im morbid-expressionistischen „Unterland“ wieder. Natürlich beginnt dort ein ganz außerordentliches Abenteuer, auf dem Alice von Figuren wie Dideldum, Dideldei und der Grinsekatze begleitet wird. Nur herrscht unter den Wunderland-Citizens ein ernsthafter Zweifel an Alice' Identität, da sie vehement behauptet, keinerlei Erinnerungen an ihren letzten Wunderland-Aufenthalt zu haben. Einzig der verrückte Hutmacher zweifelt nicht eine Sekunde daran, die waschechte Alice vor sich zu sehen. Sogleich macht er sich daran, das zarte Geschöpf zum Palast der roten Königin zu bugsieren, denn Alice hat dort ein eminentes Pensum abzuleisten. Der Palast nämlich, steht unter dem eisernen Scheffel einer pseudo-königlichen Despotin; namens die rote Königin. Ihre schmierig-schleimigen Adjutanten, allen voran ein ganz außerordentlicher Drachen-Fiesling namens „Jabberwocky“, helfen ihr bei ihren Repressionen auf ein unterwürfigstes. An Alice ist es nun gelegen, eine ganz spezielle Ausrüstung zu finden, und eben diesem Drachen den Kopf abzuschlagen. Nur so kann die weiße Königin und Schwester der derzeitigen Tyrannin die Krone wieder erlangen. Logisch, dass ihr bei diesem Unterfangen der verrückte Hutmacher als labil durchgeknallter Feldherr zur Seite steht.
Meinung
Tim Burton hatte gerade noch seine Hände knöcheltief in schwarzer Schokoladensoße getunkt, da zieht es den Dalí der Animation schon zum nächsten Disneyspektakel. 2010 wurde auf wenige Filme gleich erregt gewartet wie auf die neueste Interpretation und Weiterführung des Kinderbuchklassikers „Alice im Wunderland“. Doch warum kompiliert Burton die von Lewis Caroll so surrealistisch und kongenial geschriebene Geschichte zu einer derart profan-sterilen Angelegenheit? Jeder von uns hat mehr oder minder eine Beziehung zu Alice und ihren Abenteuern. Wir würden uns diesen Film schon aus Gründen purer Nostalgie anschauen. Verträumt und magisch sind die Erinnerungen, ist der Mythos Alice. Also eigentlich ein wirkliches „Wonder“, dass Burton es schafft, die Geschichte in derart steril technische Einzelteile zu zerlegen. Natürlich war die Idee in Kooperation mit der Disney-Autorin Linda Wooverton, Elemente beider „Alice-Geschichten“ zu nehmen, im Grunde nicht schlecht, auch finden so genannte Liebhaber der Thematik einige adaptierte Details aus dem Disney-Zeichentrickfilm von 1951. Aber ist es ausreichend, für eine so intensiv angekündigte Darbietung lediglich einen Tornado der Animationseffekte zu arrangieren? Ganz deutlich und faktisch lautet die Antwort – Nein.
Der ganze Plot wirkt unverständlich und sperrig. Alice glaubt durchweg in einem tiefen Traum zu sein, aus dem sie jeden Moment erwachen könnte. Anfänglich mag das ja nachvollziehbar sein, aber über die Strecke des Filmes wirkt das nur antriebslos. Fast schon phlegmatisch wird sie durch Burtons Gothik-Welt getrieben, verwickelt in eine wie es scheint unwichtige Plänkelei mit determiniertem Ausgang. Doch sucht man das so Charakteristische des großen Carolls, eine psychologische Tiefenwirkung oder ein Infragestellen üblicher Werte und Normenverhältnisse, wird man enttäuscht. Ganz zu schweigen von dem epochalen Endzeitkampf am Ende des Filmes, der sich so gar nicht in den Handlungsablauf eingliedern möchte und angestrengt und aufgesetzt wirkt. Natürlich ist die Messlatte innerhalb der animierten Filme seit „Avatar“ überirdisch, doch es scheint, als wäre dieser Verfilmung der nötige Funken Leidenschaft abhanden gekommen. Johnny Depp, der die Rolle des verrückten Hutmachers übernimmt, ist wie zu erwarten in seinem Spiel überzeugend und eine der wenigen positiven Konstanten des Films. Nur verhält es sich mit dieser quirlig aufgezogenen Identität des aktuellen sowie vergangenen Johnny Depps wie mit dem ewigen „Hasta la vista Baby“ von Arnold Schwarzenegger: Irgendwann ist auch mal gut. Tim Burton zeigte schon in Filmen wie „Sweeney Todd – Der teuflische Barbier“ oder „Corpse Bride“ sein außerordentliches Talent für Morbides und Gruseliges. Doch in „Alice im Wunderland“ lässt er die mit solchen Elementen immer einhergehende Prise „Gonzo“ à la „Fear and losing in Las Vegas“ vermissen. Wo bleibt der psychosomatische Trip mit dem „Alice im Wunderland“ seit je her in Verbindung gebracht wird? Viel zu linear stakst Alice durch die zugegebener-maßen imposanten Schauplätze. Nur ist die Aufgeräumtheit dieser ähnlich dem Charme einer aufgeräumten Wursttheke: Appetitlich aber vorhersehbar ohne die nötige Portion Wahnsinn.
Wieder zurück von ihrem Abenteuer mutiert Alice sogar zur rechtschaffenen Unternehmerin und verteilt plötzlich mit Selbstbewusstsein bestückt Ratschläge an Umstehende. Damit ist dann auch die letzte carollsche Kritik am Imperialismus des 19. Jahrhunderts begraben und traurig aber war – Alice hat sich gegen ein „Wunderland“ entschieden.
Zum Wundern profan-steril.
Alice: Mia Wasikowska
Hutmacher: Johnny Depp
Rote Königin: Helena Bonham Carter
Weiße Königin: Anne Hathaway
Regie: Tim Burton | USA, 2010
Länge: 109 min | FSK: ab 12 | Buch: Linda Woolverton | Kamera: Dariusz Wolski | Szenenbild: Robert Stromberg | Schnitt: Chris Lebenzon | Produktion: Walt Disney Pictures, Roth Films, Zanuck Company, Team Todd

