Agora
Handlung
Lange vor Galileo ist sie den Geheimnissen des Universums auf der Spur. Die hochgebildete Philosophin Hypatia unterrichtet im Jahre 391 nach Christus an der Bibliothek von Alexandria. Mit ihrer Intelligenz und Schönheit gewinnt sie die Bewunderung ihres Schülers Orestes, der ihr offen seine Liebe gesteht. Ihr junger Sklave Davus hingegen kann Hypatia nur mit heimlicher Hingabe dienen. Hypatias Forschungsdrang und die Bibliothek Alexandrias als Unterrichtsstätte und Symbol der Weisheit wecken den Hass der Christen. Nachdem August das Christentum zur Staatsreligion erklärte, sind sie von der verfolgten Minderheit zur einflussreichen Macht in der Bevölkerung geworden. Erzürnt durch Gewalttaten der Christen und deren Verspottung der alten Götter rufen die Gelehrten zur Vergeltung auf.
Doch die Übermacht christlicher Gefolgsleute, zu denen auch Davus und Hypatias Schüler Synesios zählen, belagert die Bibliothek von Alexandria. Der heidnische Glaube wird offiziell verboten, die Bibliothek verwüstet. Hypatia muss mitansehen, wie künstlerische und philosophische Werke von unschätzbarem Wert zerstört werden. Einige der Gelehrten und Hypatia können entkommen. Während Orestes zum Christentum konvertiert und zum Präfekten aufsteigt, wird Davus Mitglied der christlichen Kämpfer. Auf ihrer Suche nach Wissen sieht sich Hypatia immer gefährlicheren Hindernissen gegenüber. Doch die Sehnsucht nach Erkenntnis bedeutet ihr mehr als das Leben.
Meinung
„Agora“ ist eine filmische Gratwanderung. Nach seinem Oscar-gekrönten Drama „Das Meer in mir“ versucht der spanische Regisseur Alejandro Amenabar einen Balanceakt zwischen mehreren Genres. „Wenn zwei Dinge einem dritten gleichen, gleichen sie auch einander.“, lässt Hypatia einen ihrer Schüler zitieren. Dieser Lehre scheint auch Amenabar zu folgen, wenn er in „Agora“ Biopic, Drama und Sandalenfilm vereinen will. Leider dachten die Mathematiker der Antike nicht an die Tücken der Filmkunst. Biopic und Sandalenfilm oder Biopic und Drama können gleich sein – Drama und Sandalenfilm niemals. Nichteinmal Stanley Kubrick gelang es in „Spartacus“ die beiden Genres erfolgreich zu vereinen. Dass „Agora“ an ähnlichen Schwächen krankt, gereicht Amenabars Werk jedoch mehr zum Vorteil als zum Nachteil. Gewalttätige religiöse Konflikte und der Widerstreit von Wissenschaft und Obskurantismus bilden nicht den Rahmen, sondern den Kern seines Epos. „Agora“ bezeichnet im Altgriechischen den Marktplatz als öffentliche Diskussionsstätte von Politik und Religion. Überraschend klar enthüllt Amenabar ein einträchtiges Miteinander von Religion und Wissenschaft als trügerisches Konstrukt. Glaube ist das Gegenteil des kritischen Hinterfragens, welches Hypatia unablässig praktiziert, und somit eine Hinwendung zu Fanatismus und Ignoranz. Besonders verurteilt Amenabars episches Drama die Gewalt, welche in „Agora“ zwangsläufig noch größere Gewalt nach sich zieht.
Bemerkenswerter als Historienfilm oder Drama ist „Agora“ als biografischer Film. Amenabar bricht gleich doppelt mit den Konventionen des Genres. Dass mit Hypatia eine weibliche Figur, noch dazu eine Forscherin, im Zentrum der Handlung steht, ist bereits ungewöhnlich. Entgegen der stereotypen Inszenierung definiert Amenabar seine Hauptfigur nicht über ihre Liebesbeziehungen, sondern ihre Arbeit. Zudem verzichtet Hypatia nicht wehmütig, sondern gezielt auf ein Leben als Ehefrau und Mutter. Dass ihr mit Davus und Orestes gleich zwei potentielle Partner an die Seite gestellt werden, dient Amenabar nur dazu, Hypatias Hingabe an die Wissenschaft zu unterstreichen. Diese in Biografien fast immer nur Männern zugestandene Liebe zu Kunst oder Wissenschaft macht Hypatia zu einer bemerkenswert emanzipierten Frauengestalt, nicht nur im antiken, sondern auch im heutigen Rahmen. Ihre Treue gegenüber ihrem wissenschaftlichen Streben steht im Kontrast zu dem politischen und sozialen Opportunismus von Davus und Orestes. Auf die üblichen Liebesszenen im Öllampenschein verzichtet „Agora“. Jedoch, als fürchte er, sich zu weit vom Massen-geschmack zu entfernen, nicht auf all die anderen Szenen, denen Sandalenfilme ihre Popularität verdanken: SM („Holt die Peitsche!“), ungewöhnliche Tötungsarten („Steinigt sie!“, „Werft ihn ins Feuer!“, „Sie wird schon schreien, wenn wir sie lebendig häuten!“), bombastische Kulissen und malerische Sternennächte, lange vor Erfindung des Wortes 'Lichtverschmutzung'. „Wie naiv von mir zu glauben, wir hätten uns endlich geändert.“, räsoniert einer der Charaktere. Für weniger Naive ist „Agora“ ein überraschend hintergründiges Historienepos.
Der Staub der Zeit.
Hypatia: Rachel Weisz
Orestes: Oscar Isaacs
Davus: Max Minghella
Synesios: Rupert Evans
Theon: Michael Lonesdale
Regie: Alejandro Amenabar | Spanien, 2009
Länge: 126 min | FSK: ab 12 | Buch: Alejandro Amenabar, Mateo Gil | Kamera: Xavi Gimenes | Szenenbild: Guy Hendrix Dyas | Musik: Dario Marianelli | Schnitt: Nacho Ruiz Capillas | Produktion: Fernando Bovaira, Alvarop Augustin


Der Film hat leider nichts
Der Film hat leider nichts mit der wahren Geschichte zu tun. Hypatia gilt als die erste Mathematikerin der Geschichte. Die Ägypterin wurde im Jahre 364 n. Chr. in Alexandria geboren. Ihr Vater war Theon, der berühmte Mathematiker und Astronom am Museion in Alexandria. Ihr Bruder war der Mathematiker Epiphanios. Hypatia lebte in einer Zeit, in der über 70% der Bevölkerung Ägyptens Christen (Kopten) waren, und die Christenverfolgung ein hohes Maß annahm. Die Kopten waren mit Leib und Seele echte Pazifisten. (Vergleiche die Biographie des Heiligen Mauritius bzw. der Thebäischen Legion, um 300 n. Chr.). Hypatia übernahm den Lehrstuhl Ihres Vaters an der Universität (Museion) von Alexandria und lehrte dort Mathematik, Geometrie, Astronomie, Astrologie, Philosophie und Rhetorik. Hypatia war keine Vertreterin des Pazifismus: Sie vertrat die Philosophie des s.g. „gerechten Krieges“. Hypatia wurde zur Gegnerin des absoluten Pazifismus und damit auch der damaligen Kirchenlehre . Hypatia sah es als selbstverständlich an, sich in einer nicht gewaltlosen Welt mit Gewalt verteidigen zu müssen. Hypatias Schüler und Verehrer Synesius war ein überzeugter Christ und Pazifist. Eines Tages begleitete Synesius seine Lehrerin Hypatia auf dem Heimweg in einer unruhigen Nacht durch die Straßen von Alexandria. Zwischen Hypatia und Synesius entfachte sich eine kräftige Diskussion über die Notwendigkeit der Selbstver-teidigung. Hypatia zog ihr Messer und griff Synesius an, um ihn zur Selbstverteidigung zu zwingen und ihn in Ihrer Theorie zu bestätigen. Synesius, wie erwartet, wehrte sich aus Furcht und tötete im Affekt seine Lehrerin Hypatia. Synesius verlor danach den Verstand und kehrte er in seine Heimat Cyrenaika im heutigen Lybien zurück. Dort verbrachte er bis zu seiner Heilung mehrere Jahre und wurde zum Botschafter der Pentapolis (griech. Fünf Städte) beim Kaiserhof berufen. Im Jahre 403 heiratete er in Alexandria. 410 wurde er durch Akklamation in Ptolemais zum Bischof berufen und musste von Amts wegen auf die Ehe verzichten. In seiner Funktion als Bischof geriet er in Konflikt mit dem Praeses Andronikus, den er schließlich bannte. Weiterhin musste er sich auch als Kriegsherr bewähren, da in seiner Amtszeit die Provinz von südlichen Stämmen angegriffen wurde und der Bischof Synesius sich mit dem Schwert verteidigen musste.. Der heilige Augustinus (354 – 430 n. Chr.) sprach in seinem Werk „De civitate“ diejenigen von der Verletzung des fünften Gebotes frei, die einen Gott geschuldeten Krieg (gerechten Krieg) führen und verbreitete damit die Philosophie Hypatias in der ganzen Welt. Leider gingen viele wertvolle Informationen über die hervorragende Hypatia verloren, als die Araber (642 n.Chr.) die Bibliothek von Alexandria mit mehr als 500.000 Schriftrollen nieder brannten.