Otouto - About her brother


Handlung

„Wird dieser Mann dort sein?“, wird Giuko von ihrer Schwieger-mutter gefragt. Nein? „Zum Glück!“ Morgen feiert Giukos Tochter Koharu Hochzeit. Mit der reichen Familie ihres Bräutigams wollen die Verwandten es sich nicht verderben. Nicht auszudenken, wenn dieser Mann dort wäre! Giukos ungeliebter Bruder Tetsuro ist das schwarze Schaf. „Jede Familie hat eines.“, weiß ein Kunde in Giukos Apotheke. Ständig gerät Tetsuro in Schwierigkeiten, die Giuko für ihren kleinen Bruder löst. Seit ihrer Kindheit kümmert sie sich um Tetsuro, der Koharus Namen ausgesucht hat. Überraschend erscheint Tetsuro auf der Hochzeit. Trotz seines Versprechens, sich zu bessern, stößt der ungebetene Gast die Feiernden vor den Kopf. Dennoch hält Giuko weiter zu ihm. Die nächsten Jahre taucht Tetsuro nur auf, wenn er in Schwierigkeiten ist. Schließlich erträgt auch Giuko die Aufopferung nicht mehr. Lange hört sie nichts von ihrem Bruder - bis sie eines Tages erfährt, dass er todkrank ist.

Meinung

Aus sanften Bildern komponiert der japanische Regisseur Yoji Yamada eine humorvolle filmische Symphonie, in der tragische Töne nur leise anklingen. Im Zentrum der Tragikomödie steht die Familie, nicht im speziellen Kontext der japanischen Gesellschaftstraditionen, sondern universelle Familienbindungen. Yamada nimmt sich viel Zeit, um jedes Mitglied vorzustellen. Manchmal gleitet die mit zärtlicher Komik beobachtete Alltagsgeschichte in Gemächlichkeit ab. Auf der Pressekonferenz erklärt der Regisseur, er habe bewusst diesen ruhigen Stil gewählt. Am Ende sind es die unscheinbaren Momente, die kleinen Gesten, welche die große Nähe zu den Charakteren möglich machen. So schön der elegische Ton ist, verhüllt er doch viele Konflikte zwischen Giuko und Testuro. „About her brother“, wie es der Titel verheißt, erfährt man wenig. Auf Familienfotos zeigt der Regisseur Tetsuro zum ersten Mal. War er früher in die Familie integriert und wurde verstoßen oder präsentieren die Fotos vereinzelte Zusammentreffen des Außenseiters mit seinen Verwandten? Die Vergangenheit der Familie bleibt ebenso vage wie der Grund für Tetsuros Weigerung, erwachsen zu werden.

Zuerst habe sie ihren Onkel lustig gefunden, erinnert sich Koharu. Später sei er ihr auf die Nerven gegangen. Anfangs amüsieren Tetsuros Fehlverhalten auch den Zuschauer. Sieht man jedoch, wie sehr Giuko darunter leidet, verfliegt die Komik. Stets ist es Giuko, die für ihren kleinen Bruder Opfer erbringt. Tetsuro scheint sich hauptsächlich aus Pragmatik an Giuko zu wenden. Außer ihr hilft niemand dem Taugenichts. Hinter Tetsuros lockerem Wesen verbirgt sich dreister Opportunismus. Sie sei eine schwachköpfige Närrin, spottet Tetsuro über eine Geliebte, die er um ihre Ersparnisse betrogen hat. Durch den abfälligen Kommentar fühlt sich auch Giuko verletzt. Sie erkennt, dass Tetsuro über sie genauso denkt. Um zu erkennen, welche Last er seiner Schwester ist, reicht sein Verständnis nicht. Als Giuko dies klar wird, kommt es zum Bruch zwischen den Geschwistern; fast herbeigesehnt, weil Giukos Verhalten an Masochismus grenzt.


„Kleiner Bruder“ bedeutet der japanische Originaltitel „Otouto“. Der Begriff bezeichnet mehr als das Verwandtschaftsverhältnis der Geschwister. Tetsuro wird immer der kleine Bruder, der Hilfsbedürftige, sein. Bis zu seinem Tod, bei dem es sich um jenen alkoholbeschwingten Tod handelt, den Berlinale-Leiter Dieter Kosslick auf der Eröffnungspressekonferenz amüsiert erwähnte. Giukos Pflege des Bruder hinterlässt jedoch ambivalente Gefühle. „Das ist der Tetsuro, den wir kennen!“, freut sich eine Betreuerin des Sterbenskranken, als er Sake-selig daliegt. Geändert hat er sich nicht – genau wie seine Schwester. Am Ende verfallen beide in das gewohnte Abhängigkeitsmuster. Bezeichnenderweise ist es Giuko, die ihr und Tetsuros Handgelenk mit einem Band verknüpft, damit der Kranke sie wecken kann. Was im Tode ein Band ist, war im Leben eine unsichtbare Kette. Erst im letzten Gespräch der Geschwister klingt leise an, dass es vielleicht mehr als familiäre Liebesgefühle sind, welche Giuko, die nie wieder geheiratet hat, an ihren kleinen Bruder binden. Yamada schließt mit einem zweiten Familienessen nach Tetsuros Tod. Ob dieser Mann wieder komme, fragt die demente Schwiegermutter. Nein, dieses mal bestimmt nicht. „Schade.“, sagt die alte Frau. Auch ein verbogenes Teil gehört zum Puzzle. Kein vollkommener, aber ein schöner Abschluss für die 60. Berlinale.


Familienbande und andere Ketten.

von Lida Bach



Giuko: Sayuri Yoshinaga
Koharu: Yu Aoi

Tetsuro: Tsurube Shufukutei

Regie: Yoji Yamada | Japan, 2009

Länge: 126 min | FSK: ab 6 | Buch: Yiji Yamada, Emiko Hiramatsu | Kamera: Masashi Chikamori | Szenenbild: Mitsuo Degawa | Musik: Isao Tomita | Schnitt: Iwao Ishi | Produktion: Suketsugu Noda, Hiroshi Fukasawa, Kenichi Tamura