A woman, a gun and a noodle shop


Handlung

„Ich habe das Gefühl, dieser Nudelladen ist verflucht.“ Der fette Küchenangestellte Zhao mit den Hasenzähnen – genau, der in gelb - ahnt es schon früh, was ihm bevorsteht. Dabei läuft der Nudelladen so gut, dass dem sadistischen Besitzer Wang die Taschen vor Geld überquellen. Der Standort an einem einsamen Reiseweg in der Wüste mag etwas abgelegen sein, doch wenn, dann kommt dafür gleich eine Truppe Soldaten vorbei und schlägt sich voll. Der Nudelladen kommt im Titel jedoch nicht von ungefähr zuletzt. Zuerst geht es um die Frau, Wangs junge Gattin, und die Waffe. „Must die.“, verspricht der persische Händler bezüglich deren Wirksamkeit. „Moose die.“, das überzeugt seine potentielle Kundin. Wie tödlich muss eine Feuerwaffe, die einen Elch umhaut, erst auf den widerlichen Ehemann wirken? Gemeinsam mit ihrem nervösen Geliebten Li will sie den verhassten Gatten aus dem Weg räumen. Als Wang erkennt, dass seine Frau ihre Mordfantasien ihm gegenüber in die Tat umsetzen will, heuert er seinerseits einen Auftragskiller an. Schnell hat jeder der Protagonisten neben Nudeln sein eigenes Süppchen am kochen. Die Mordlust brodelt, doch Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert.

Meinung

Zhang Yimou weiß das und tischt „A woman, a gun and a noodle shop“ eiskalt auf. Farbenfroh, komisch und ungeheuer böse kommt seine Thriller-Groteske daher. Dieses Mal haben ihn auf der Berlinale alle gesehen. Trotz des unvorteilhaften Vorführungstermins früh am Sonntagmorgen, trotz der kuriosen Szenerie und des zu erwartenden Humors, welcher dem ernsthaften Stil der typischen Bären-Gewinner entgegensteht. „Komisch, wenn man an 'Rotes Kornfeld' denkt...“, raunte nach Filmende im Dunkeln des Berlinale-Palastes ein Kritiker. Früher hätte es das nicht gegeben! 'Rotes Kornfeld' war der erste chinesische Festivalfilm, welcher auf der Berlinale einen Goldenen Bären gewann. Kaum ein Kritiker hatte angeblich damals das unscheinbare Drama gesehen. Nein, „A woman, a gun and a noodle shop“ wird niemals einen Bären gewinnen. Zu witzig, zu geistreich, zu ironisch ist Yimous Werk. Fast eine Parodie, jedoch bitterböse und – Parodie auf was eigentlich? Sind nicht düstere asiatische Thriller, Frühwerke berühmter Regisseure und obskure Kleinode da, um von amerikanischen Großproduktionen neu verfilmt zu werden? Jetzt tun es ihnen die Asiaten einfach gleich, noch dazu unverschämt abgehoben, wagemutig und grotesk. Beinahe aggressiv ist Yimous Werk in seiner expressionistischen Farbdramatik, welche jedem Charakter eine bestimmte Nuance zuordnet. Der schweigsame Killer ist in kühles Blau gekleidet, ein eiskalter Engel in Soldatenuniform. Leuchtendes Rosa unterstreicht die Hypersensibilität des zittrigen Geliebten. Die Frau trägt jadegrün. Im amerikanischen ist der Begriff für den Edelstein „Jade“ ein Slang-Begriff für eine unerbittliche Lady. Hart wie Jade ist die misshandelte Anti-Heldin, die Yimou dreist ein Drittel der Handlung im Alkoholrausch versäumen lässt. Manche Probleme lösen sich tatsächlich im Schlaf.

Für den schwarzen Humor der Coen-Brüder, welche mit dem amerikanischen Original „Blood Simple“ die Vorlage für Yimous rasante Groteske lieferten, übersetzt der chinesische Regisseur in selbstironische Genre-Referenzen. Die Typisierung der Charaktere beschränkt Yimou auf Äußerlichkeiten. Hinter diesen verbergen sich nuancierte Persönlichkeiten. Mitten im Nichts liegt der chinesische Nudelladen. Ein einsamer Außenposten in der endlosen Wüste. Eine schöne Frau, ein schweigsamer Killer, ein widerlicher Geldsack und eine Gruppe skurriler Typen treffen in der asiatischen Version von Otto Premingers „Rancho Notorious“ aufeinander. Noodle Shop Notorious. In der fernöstlichen Variation einer Western-Landschaft galoppieren die Soldaten wie die Kavallerie heran, mit einem heulenden Geräusch, das an Polizeisirenen erinnert. Die Gefahr, in der übervölkerten Großstadt auf frischer Tat ertappt zu werden, ersetzt in „A woman, a gun and a noodle shop“ die inkriminierende Einsamkeit der Wüste. Wer soll sonst der Mörder gewesen sein, wenn man allein im Nirgendwo neben einer Leiche steht? Eine femme fatale, eine Waffe, materieller Besitz – so buchstabiert man Mord, ob in einer modernen Großstadt, den Straßenschluchten des Amerikas der Fünfziger oder im China des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wenn der Nudelkoch zweimal klingelt. „A woman, a gun and a noodle shop“ - mehr braucht Zhang Yimou nicht für seinen blendend hellen film noir, und mehr bleibt am Ende nicht übrig. Braucht es auch nicht. Der Film ist perfekt wie er ist. Nein, solche Werke gewinnen keine Bären. Warum eigentlich nicht?

Der Nudelkoch, der Chef, seine Frau und ihr Liebhaber.

von Lida Bach



Wang: Ni Dahong
Wangs Frau: Yan Ni

Zhao: Cheng Ye
Li: Xiao Shenyang

Regie: Zhang Yimou | China, 2009

Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Xu Zhengchao, Shi Jianquan | Kamera: Zhao Xiaoding | Szenenbild: Han Zhong | Musik: Zhao Lin | Schnitt: Meng Peicong | Produktion: Zhang Zhenyan