8. Wonderland
Handlung
Ein hohes Tier der amerikanischen Regierung wurde gekidnappt. Seinen Entführern verdankt die politische Geisel womöglich das Leben. Hätte der Präsident entgegen dem Brauch den Thanksgiving-Truthahn nicht begnadigt, wäre der Vogel ein Todeskandidat – wie die Verurteilten, die in den USA auf dem elektrischen Stuhl statt über Holzkohle grillen. Gleiche Rechte für Menschen fordern die Entführer, Bürger von „8. Wonderland“. Ihre Nation besteht nur virtuell als Netz mit einander im Chat verbundener PCs. Die Begründer von „8. Wonderland“ wollen einen idealen Staat. Als Dank der spektakulären Aktionen die Anhängerzahl wächst, tritt der betrügerische John McLean als dessen Führer auf. Der von „8. Wonderland“ gewählte Vertreter David kann Johns Medienmacht nicht brechen. Durch die zunehmenden internationalen Terrorvorwürfe fühlen sich die Bürger des virtuellen Staats zu gewalttätigem Protest gezwungen, der im Mordplan gegen einen korrupten Politiker gipfelt. Die schöne neue Welt offenbart ihre hässliche Seite.
Meinung
Womöglich ist die Fiktion keine. Ein „8. Wonderland“, wie es die französischen Film-Amateure Jean Mach und Nicolas Alberny in ihrer wirren Mischung aus Utopie und Cyber-Krimi imaginieren, kann längst Realität sein. Abgesandte einer solchen Organisation haben vermutlich insgeheim die Kinobranche infiltriert, um dafür zu sorgen, dass „8. Wonderland“ trotz seiner eklatanten Mängel auf die Leinwand gelangt. Produktionswert und künstlerischer Wert des plumpen Möchte-Gern-Thrillers treten einen Wettstreit an, um einander zu unterbieten. Des militanten Reaktionismus, welcher sich hinter der radikal-linksliberalen Prätention ihrer vorgeblich hochpolitischen Sozialstudie verbirgt, scheinen sich die Filmemacher selbst nicht bewusst zu sein. Ironischerweise bedienen sie sich dabei jener kommerziell motivierten Täuschungsmanöver, welche sie anprangern wollen.
Das Drama von der gescheiterten Utopie erscheint mehr als unbeabsichtigte Warnung vor den Konsequenzen, einen Haufen Nerds und selbst ernannter Gutmenschen an die Macht zu lassen. Zu konkreter Systemkritik sind die Charaktere unfähig, weil ihnen ein realitäts-bezogenes Problembewusstsein fehlt. Die Unaufrichtigkeit der Protesthaltung passt zum kruden Aktionsmus der Bürger des virtuellen Filmstaates: Kondomautomaten im Vatikan aufhängen und eine Darwin-Bibel herausgeben. Michael Moore für Arme. Dass aus den Kinderspielchen Ernst wird, ist angesichts des stereotypen Plots vorhersehbar. Dass hochrangige Verhandlungen in Wirtschaft und Politik mittels absichtlicher Fehlübersetzung einer Anhängerin von „8. Wonderland“ gesprengt werden können, ist ebenso unglaubwürdig wie die Entführung von Spitzensportlern, die zur Fabrikation billiger Sportschuhe gezwungen werden.
Weder wie der Online-Chat mit acht Millionen in unterschiedlichen Zeitzonen lebenden Menschen gelingt, erklärt „8. Wonderland“, noch, wie es um die Mitentscheidungsrechte der anderen Millionen Menschen steht, die keinen PC besitzen. Wer in einem Entwicklungsland lebt oder materiell unterprivilegiert ist, passt nicht durch das Türchen ins Wunderland. Glück gehabt, denn dort werden Kinder für die Vergehen ihrer Eltern mit HIV-Infektionen bestraft und freizügige Frauen von der Politik ausgeschlossen. Genussmittel sind verpönt, wer nicht für das Kollektiv schuften will, wird ins Arbeitslager verschleppt. Unter Stalin hieß das GULAG. Aber wenn wir statt Alexander Solschenizyn David Beckham dort einsperren, ist es voll okay, scheint Machs und Albernys Botschaft. Die pauschale Medienkritik steht im Widerspruch zu der bemüht rasanten und zeitgemäßen Inszenierung, in der die oberflächlichen Figuren nur als Repräsentanten politischer Meinungen oder Nationen agieren. Und die Moral von der Geschicht´? Gibt es nicht. Was sie eigentlich sagen wollen, wissen die Filmemacher nicht. Die verwirrten Handlungsfäden reißen sie einfach ab, um sich mit Bedeutungsmiene zurück zu lehnen: Denkt mal darüber nach! In 95 Minuten Spieldauer hatte man schon reichlich Gelegenheit dazu. Mit dem Weg ins „8. Wonderland“ verhält es sich wie mit dem ins Kino:
Keine Reise wert.
John McClane: Matthew Géczy
David: Robert William Bradford
Cesar: Alain Azerot
Isabella: Eloïssa Florez
Karel: Michael Hofland
Regie: Nicolas Alberny | Frankreich, 2008
Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Nicolas Alberny, Jean Mach | Kamera: Antoine Marteau | Musik: Nicolas Alberny | Schnitt: Aurélien Dupont | Produktion: Guillaume Letellier

